29.7.2021

Von Kreativen lernen

Warum wir mit Improvisation bessere Entscheidungen treffen

Hagen Möller ist Jazzmusiker und Unternehmensberater und erforscht den Erfolg von Improvisation außerhalb der Künste.

Hallo Hagen, schön dass du Zeit für ein Gespräch hast. Warum ist Improvisation für Unternehmen interessant?

Wir können durch die Digitalisierung oder auch konkret am Beispiel der Corona-Pandemie beobachten, dass die Welt immer unplanbarer wird. Wir haben keine Möglichkeit mehr, langfristig in die Zukunft zu schauen. Unternehmen begegnen dieser Situation, indem sie immer mehr improvisieren. Sie kommen immer mehr in die Situation, dass ein vorhandener Plan nicht aufgeht und sie darauf reagieren müssen. Aber ich sehe in meiner Arbeit auch, dass Unternehmen immer mehr in Situationen geraten, für die sie überhaupt gar keinen Plan mehr haben. 

Also müssen Unternehmen jetzt lernen, wie sie möglichst erfolgreich improvisieren? 

Genau und das Problem, das dabei herrscht, ist, dass sie lernen müssen, wie man überhaupt improvisiert.

Woran können sich Unternehmen dabei orientieren?

In den Künsten wird Improvisation als Gestaltungsmittel verwendet. Wir schaffen dort etwas - Musik, Theater, Tanz oder Malerei - in dem wir keinen Plan haben und improvisieren. Das heißt, die Improvisation organisiert Unvorhergesehenes und ordnet Unordnung in einem spielerischen und sehr kraftvollen Prozess. Dadurch entstehen Potenziale, die wiederum einen neuen Umgang mit dieser Unordnung erlauben. 

Daraus leitest du die Frage ab, wie Improvisation außerhalb der Künste gelingt. Warum?

Ich stelle zunehmend fest, dass Improvisation außerhalb der Künste sehr oft schief geht. 

Kannst du dafür ein Beispiel geben?

Das Wesen, was die Improvisation so spannend macht, ist häufig die Situation, dass Improvisation gefordert wird, aber die Menschen gar nicht wissen, was sie tun. Denn sie beschäftigen sich in dem Moment nicht konkret mit der Improvisation. 

Wie konntest du das beobachten?

Ich habe in meinem Netzwerk eine Umfrage gemacht und die Menschen gefragt, wie viel Zeit sie in ihrer 40-Stunden Woche mit Improvisation verbringen. Dabei kam heraus, dass je höher die hierarchische Position von befragten Personen ist, umso mehr improvisieren sie in ihrem Arbeitsalltag. Sie nennen das nicht Improvisation, sondern geben Formulierungen an wie “aus der Hüfte schießen” oder “ad hoc Lösungen”. Aber im Grunde handelt es sich dabei um Improvisation, mit der sie sich per Definition 80 Prozent ihres Arbeitsalltags beschäftigen. Bei der Anschlussfrage, wie viel von dieser Improvisation geübt wird, war die Antwort “Null”. 

Das klingt alarmierend. 

Es herrscht ein Bedarf zu erkennen, wann und wie Improvisation entsteht und wie ich sie nutzen kann. Reflektiere ich ad hoc Lösungen oder bin ich einfach nur happy, dass ich sie gefunden und die Situation überstanden habe. Ich glaube, dass Unternehmen bessere Entscheidungen treffen, wenn ein Bewusstsein für Improvisation vorhanden ist.

Im Kleinen sind das doch häufig schon die Meetings, aus denen man mit dem Gefühl heraus geht, viel geredet aber nichts erreicht zu haben.

(lacht) Ich hatte heute schon zwei dieser Meetings. Und genau das ist der Punkt. Wenn man dort schon wüsste, dass improvisiert wird, dann könnte man vorher ein Design erstellen, das dabei hilft zu differenzieren: sollen hier improvisiert werden oder braucht es eine klare Agenda mit einem definierten Ziel?

Ergibt sich daraus für dich ein Geschäftsmodell?

Ich habe vor ein paar Jahren ein Musiklabel gegründet, dass dann in eine zweite Firma gewachsen ist, wo wir vor allem Künstler, Startups und Unternehmer zu digitalen Geschäftsmodellen beraten. Das Thema der Zeitlichkeit und ad hoc Lösungen spielt dabei eine große Rolle. 

Was bedeutet das für ein Unternehmen, welchen Fragen gehst du in deiner Beratung nach?

Mich interessieren am meisten die zwei Leitfragen: Wie beeinflusst Improvisation das Design eines Unternehmens und wie muss sich ein Unternehmen organisieren, damit improvisiert werden kann?

Das ist sicherlich spannend für Unternehmen, die sich mit Business Development beschäftigen. Ein Startup improvisiert ja wahrscheinlich vergleichsweise viel, aber wie sieht das in Wachstumsphasen bei größeren Unternehmen aus? 

Ein Unternehmen müsste sich meiner Meinung nach die Frage stellen, wie es von vornherein so aufgebaut werden kann, dass dessen Struktur, Organisation und Funktion verhandelbar bleibt. Im Fußball spricht man immer davon, dass man sich Räume erspielt. Das lässt sich wunderbar auf Unternehmen übertragen. Also wie kann ein Unternehmen sicher sein, dass Räume für Improvisation erspielt werden? In Scrum-Prozessen kann Improvisation zum Beispiel gefördert werden, indem harter Zeitdruck aufgebaut wird. Generell sind Fragen spannend, wo ich Prozesse öffne und sie laufen lasse und wo ich sie wieder als Unternehmen schließe und ein klares Ziel vor Augen habe. 

Die Gelingensbedingung ist also zu reflektieren, wann ich improvisiere und wie ich daraus besser werden kann. Was ist deine Methode dabei?

Ich betrachte Improvisation viel auf individueller Ebene, d.h. auf Führungsebene. Wenn ich Improvisation dort so definiere, dass der Beginn nicht den Ausgang definiert, dann muss ich als CEO zum Artrepreneur werden. Das heißt unternehmerische und gestalterische Talente müssen hier zusammengeführt werden. Wenn der Ausgang nicht mehr das Ende bestimmt, dann ist es sehr wichtig zu verstehen, mit welchem Mindset und mit welcher Intention das geschieht. Gerade in Deutschland, das von einer sehr angelsächsischen Betriebswirtschaftslehre gezeichnet ist, können wir vom experimental design eines Elon Musk viel lernen, denn aus dessen spielerischen Experimentieren ist ein Unternehmen wie Tesla entstanden.

Wie erklärst du einem Unternehmen Improvisation ?

Improvisation ist Komposition in Echtzeit. Ein Unternehmen befindet sich insofern in einem kompositorischen Prozess, als dass es sich überlegen muss, wo hin will. Der erste Schritt in meiner Arbeit ist es mit dem Unternehmen gemeinsam herauszufinden, wie die Vision klingt, wenn sie real wäre. 

Ist deine Arbeit dann auch wie eine Rekomposition zu verstehen, wenn zum Beispiel der Klang einer Vision nicht mit dem Klang der Realität vereinbar ist? 

Ja, dieses innere Ohr ist meiner Meinung nach oft etwas, das viel zu kurz kommt. Und da besteht schnell die Gefahr, als Unternehmer in eine Spirale zu kommen, wo man anfängt sich zu belügen. Dass wenn die Zahlen stimmen, man das Gefühl hat, dass das zum inneren Ohr passt. Ich habe da mal ein Zitat in die Richtung gehört: “Hör nicht auf den Lärm von draußen, sondern auf die Musik von innen”. 

Netflix hat sein Angebot auf Basis der Daten seiner Nutzer*innen ausgerichtet. Würdest du sagen, dass das Unternehmen zu sehr auf den Lärm von draußen gehört hat?

Netflix ist ein interessantes Beispiel, weil das Unternehmen jetzt gerade das Problem hat, dass es nicht mehr wachsen kann, weil Teile seines Marktes komplett gesättigt sind.

Wie kann Netflix aus diesem Rabbit Hole wieder herauskommen?

Die Frage ist doch, ob Netflix da überhaupt herauskommen und weiter wachsen muss? Aus Sicht der Investoren ist die Frage leicht zu beantworten. In Frankreich hat Netflix jetzt als Reaktion auf den gesättigten Markt einen Kanal für lineares Fernsehen für ihre Hauptzielgruppe eingeführt, die Fernsehen überhaupt nicht mehr kennt. Die sind total begeistert davon, dass sie sich nicht mehr entscheiden müssen, was sie gucken wollen. Ich finde das so beispielhaft für den Gedanken, wo das noch hinführen soll.

Ja hier stellt sich tatsächlich die Frage der Disruption. Wie würdest du Netflix beraten?

Ich habe keine Antwort darauf, aber die Frage ist wohl, wie spielbereit ist Netflix etwas Neues zu machen? Vielleicht sollte man das Board of Directors mal ins Tonstudio schicken, um zu überlegen, wie das neue Album klingt. Oder vielleicht sollten sie einfach mal zusammen kneten, also etwas machen, das keinen zweck erfüllt, aber Sinn ergibt.

Hagen, danke für das Gespräch und noch viele spannende Erkenntnisse in deiner Forschung zu Improvisation! 

Der Jazz-Musiker, Entrepreneur und Experte für Improvisational Leadership und Design Hagen Möller versteht Improvisation als eine Technologie, die sich wunderbar übertragen lässt auf unternehmerische Prozesse. Was, so fragt er sich – kann in einem Unternehmen alles möglich werden, wenn das Unternehmen nicht nach Plan vorgeht, sondern aus dem Tun heraus entscheidet?

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