23.7.2018

Butter bei die Fische

Tipps für den Antrag bei der Künstlersozialkasse

Die Künstlersozialkasse (KSK) ist für viele Kreative schwer zu durchschauen. Rechtsanwalt und KSK-Experte Andri Jürgensen klärt die wichtigsten Fragen.

Hallo Andri! Erzähl doch mal, was genau ist eigentlich die Künstlersozialkasse und welche Voraussetzungen bestehen, damit ich aufgenommen werde?

Die KSK ist ein besonderes System für selbständige Künstler/innen und Publizist/innen zur Kranken- und Rentenversicherung. Wer als selbständige/r Künstler/in oder Publizist/in arbeitet, muss sich bei der KSK melden und wird dann über die KSK in einer gesetzlichen Kranken- und Pflegekasse sowie der gesetzlichen Rentenversicherung (DRV) angemeldet.

Und warum lohnt es sich für mich als Kreative in die KSK einzutreten?

Sie bietet dir als Kreative unschlagbare Vorteile. Außerdem kommt niemand in Deutschland so günstig an eine Krankenversicherung. Selbständige müssen sich ja entweder privat oder freiwillig gesetzlich versichern. Gerade die freiwillige Mitgliedschaft in einer gesetzlichen Krankenkasse ist derzeit allerdings geradezu unverschämt teuer, die Selbständigen werden regelrecht geschröpft.

Selbständige Künstler/innen und Publizist/innen hingegen sind privilegiert. Zum einen weil sie sich nicht freiwillig gesetzlich versichern müssen, sondern die normalen Tarife für Pflichtversicherte erhalten. Außerdem übernimmt sie die Hälfte der Beiträge, ein weiterer Vorteil den keine andere selbständige Berufsgruppe hat. Deshalb wird bei der KSK auch häufig von einer Art Arbeitgeberfunktion gesprochen. Darüber hinaus richten sich die Beiträge nicht nach dem tatsächlichen Gewinn, sondern nur nach einer Einkommensprognose. Da man aber nie weiß, wie ein Jahr laufen wird, melden viele Versicherte eher eine vorsichtige Prognose an und zahlen etwas weniger als beispielsweise ein/e Arbeitnehmer/in mit gleichem Einkommen.

Wie setzt sich der von mir zu zahlende Beitrag dann zusammen?

Über die KSK ist man gesetzlich kranken-, pflege- und rentenversichert. Die Beiträge entsprechen den normalen gesetzlichen Tarifen. Wer beispielsweise eine Gewinnprognose für 2018 von 30.000 Euro abgegeben hat, zahlt monatlich an die KSK rund 450 Euro, davon ist knapp die Hälfte für die Kranken- und Pflegeversicherung. Schon diese Zahl zeigt, wie günstig die KSK für Selbständige ist. 

Uns wird häufig gespiegelt, dass die Antragstellung selbst am meisten Hürden birgt. Magst du kurz zusammenfassen, was bei der Antragsstellung zu beachten ist?

Wichtig ist, dass die Unterlagen gut vor- und aufbereitet sowie vollständig sind. Neben den Formalien wie Antragsformular und Ausweiskopie sind das vor allem Arbeitsproben auf DIN A4, Rechnungen dazu und Kontoauszüge, die belegen, dass das Geld eingegangen ist. Die Arbeitsproben müssen abbilden, was die Person macht, also etwa grafische Gestaltungen, Werbefotografie oder ähnliches. Das ist bei manchen Jobs etwas knifflig, aber machbar.

Kann ein Fehler bei der Antragsstellung einen späteren Versuch der Aufnahme in die KSK erheblich erschweren oder gar verhindern?

Der Fragebogen fragt ja nur den Sachverhalt ab. Und wenn die eigenen Umstände dazu führen, dass die Versicherungspflicht nicht besteht, dann ist das kein „Fehler“.

Wichtig ist natürlich immer die Darstellung der eigenen Tätigkeit bei Berufen, die nicht automatisch der Kunst oder der Publizistik zuzuordnen sind, wie etwa handwerkliche Tätigkeiten, Kuratieren oder die Arbeit von DJs. Mit neuen Darstellungsformen wie Szenografie oder Raumstrategien hat die KSK immer ihre Schwierigkeiten, genauso mit wie mit Influencer/innen oder YouTuber/innen.

Kann ich mich eigentlich auch über die KSK versichern, wenn ich neben meiner kreativen Tätigkeit auch andere Jobs ausübe?

Das hängt ganz von der Form und dem Umfang der anderen ausgeübten Tätigkeit ab. Hast du nebenbei einen Minijob, ist das unproblematisch. Übersteigt der Bruttolohn jedoch einen Minijob, kommt es darauf an, wo der Schwerpunkt deiner beruflichen Tätigkeit liegt. Dorthin wandert dann auch die Kranken- und Pflegeversicherung, während du über die KSK und den Arbeitgeber bis zu einer bestimmten Grenze weiter rentenversichert bleibst. Ganz unglücklich trifft es diejenigen, die noch eine andere, selbständige Tätigkeit ausüben. Liegt der Gewinn aus dieser Tätigkeit über 5.400 Euro pro Jahr, muss die KSK die Zuschüsse für die Kranken- und Pflegeversicherung beenden und du musst dich privat oder freiwillig gesetzlich versichern.

Können auch Studierende die KSK beantragen, wenn sie selbstständig künstlerisch oder publizistisch tätig sind?  

Schwierig, aber möglich. Als Student/in kann man nur in die KSK, wenn das Studium beinahe abgeschlossen ist und nicht mehr den Hauptteil der Arbeitszeit in Anspruch nimmt. Der Schwerpunkt muss also auf der selbständigen Tätigkeit liegen und nicht auf dem Studium, z.B. wenn man an der Abschlussarbeit sitzt.

Angenommen die KSK lehnt einen Antrag ab. Was ist der nächste Schritt? Lohnt es sich hartnäckig zu bleiben?

Ich rate zunächst immer, schon im Vorfeld zu prüfen, wie die Chancen mit der ausgeübten Tätigkeit stehen. Für Musiker/innen oder Grafiker/innen ist es vollkommen unproblematisch, bei anderen Tätigkeiten - gerade bei Lehrtätigkeiten oder solchen mit handwerklichem Einschlag wird es knifflig. Da ist es besser, dir im Vorfeld Gedanken darüber zu machen, wie du durch die richtige Wortwahl verhinderst, dass die KSK eine falsche Vorstellung von deiner Arbeit bekommt. Hier mal ein Beispiel: Bestimmte Tätigkeitsbeschreibungen wie etwa „Design für Interior“ versteht die KSK nicht als Kunst. Wenn die KSK einen Antrag ablehnt, hat man natürlich die Möglichkeit, einen Widerspruch einzulegen und, wenn dieser erfolglos ist, eine Klage. Das lohnt sich aber nur, wenn realistische Aussichten bestehen, zu gewinnen.

Welche Tipps kannst du (zukünftigen) Selbstständigen abschließend mit auf den Weg geben?

Seht euch nicht nur als Künstler/in, sondern auch als Unternehmer/in! Wer selbständig arbeitet, darf keine Angst vor Zahlen haben. Und man muss beides können: Kunst und Selbstmanagement. Dazu gehören Vorsorge, Finanzen, Marketing, Netzwerken, aber auch Akquise und Verhandeln. Man muss zwar nicht auf allen Gebieten gleichzeitig ein Genie sein, aber man sollte von allem etwas können oder sich für Einzelbereiche fachliche Hilfe dazu holen. Außerdem braucht man eine gewisse Robustheit und eine positive Einstellung.

 

Nach mehreren Regie-Hospitanzen am Schauspielhaus Kiel entschied sich Andri Jürgensen doch für ein Jurastudium. Es folgten Hospitanzen beim HH1 Fernsehen und beim ZDF sowie eine Tätigkeit als freier Redakteur für 3Sat. Seit 2000 als Rechtsanwalt zugelassen, hat sich Andri auf die Künstlersozialversicherung spezialisiert. Hierzu schreibt er regelmäßige Publikationen und hält deutschlandweit Vorträge. Im Rahmen unserer Vortragsreihe für Berufsstarter Butter bei die Fische besucht er uns einmal im Semester als Referent und beantwortet den Studierenden und Berufsanfänger/innen Fragen zu seinem Fachgebiet.

Über Butter bei die Fische

In wöchentlichen Vorträgen geben Referent/innen aus der Praxis Auskunft zu Themen wie Künstlersozialkasse, Steuern, Angebotserstellung, Marketing und Akquise. Diese Grundlagen sollen den Einstieg in die Selbstständigkeit erleichtern und die fachliche Expertise um ein Wissen der ökonomischen Rahmenbedingungen in der Kreativwirtschaft erweitern. Die Vortragsreihe wird in jedem Semester in Kooperation mit Hamburger Hochschulen und privaten Kreativschulen angeboten – Teilnahmebestätigungen können ausgestellt werden.

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