Der Cross Innovation Hub wird mit Mitteln aus dem Europäischen Fonds für regionale Entwicklung (EFRE) co-finanziert.

29.10.2018

Perspektivwechsel

Design Thinking: Der Zauber bleibt

Katharina Stoltze (29) ist studierte Kommunikationsdesignerin. Nach beruflichen Stationen in verschiedenen Digitalstudios, zuletzt bei SinnerSchrader Swipe, ist sie seit gut einem Jahr als selbstständige Art Direktorin im Bereich Interaction Design tätig.

Katharina, warum ist Design Thinking gerade für Design im Digitalen so wichtig?

Als Interaction Designerin gestalte ich digitale Anwendungen – Websites, Apps oder interaktive Installationen, die in ganz unterschiedlichen Kontexten zum Einsatz kommen. Ich entwickle sozusagen die Schnittstelle zwischen dem Produkt oder dem Service meines Auftraggebers und den potentiellen Nutzerinnen und Nutzern. Kreative Methoden, die sich aus dem theoretischen Überbau des Design Thinkings herleiten, dienen dazu, sowohl die Kundensicht, vor allem aber die der User von Beginn an in den Designprozess einzubeziehen. Für die Entwicklung von wirklich guten Produkten und intuitiv bedienbaren Oberflächen ist das extrem wichtig.

Der Einsatz kreativer Methoden ist damit eine große Errungenschaft für das Design?

Ja und nein. Zum einen schaffen systematisierte Prozesse Transparenz und Zugänglichkeit. Der Kunde versteht, wie ein kreativer Prozess funktioniert und wie der Designer oder die Designerin arbeitet. Projekte sind heute sehr viel größer, häufig technisch komplexer und auch die Nutzerbedürfnisse entwickeln sich weiter. Wenn von Anfang an ein Austausch zwischen der Nutzerseite, Stakeholdern, technischer Entwicklung und Kreativen entsteht, werden die Erfolgschancen eines Produktes gesteigert. 

Zugleich besteht die Gefahr der Übersystematisierung. Alles wird in Prozesse und Methoden gepackt ohne den Sinn für das Projekt zu hinterfragen. Nach meiner Erfahrung werden Methoden häufig streng angewendet, wenn Verunsicherung besteht, wie ein bestimmtes Ziel erreicht werden soll. Die Agentur oder das Unternehmen versuchen sich dann mit einer scheinbar guten Lösung, mit einem konkreten Plan, selbst zu beruhigen. Das ist dann aber das Gegenteil von einem iterativen Prozess. Die Kreativen müssen den Projektbeteiligten in solchen Situationen Mut machen, sich auf eine ergebnisoffene Arbeitsweise einzulassen.

Design Thinking ist um die Jahrtausendwende ein großer Trend geworden. Wie haben Kreative davor mit Kunden gearbeitet?

Auch ohne das Buzzword Design Thinking haben Designerinnen und Designer nach ähnlichen Prinzipien gearbeitet. Es ist ein gelernter Prozess: Man holt sich verschiedene Perspektiven ein, entwirft, testet, findet Probleme und kommt Schritt für Schritt zu neuen Lösungen. Design Thinking ist ein Mittel, um kreative Prozesse in die Sprache des Managements zu übersetzen.

Besteht die Gefahr, dass der Kunde den kreativen Prozess nun selbst steuern möchte?

Durch Design Thinking wird der kreative Prozess ja nicht abgegeben, man holt sich nur an den richtigen Stellen den Input ein. Es ist eher so, dass beim Kunden die Feinfühligkeit gestärkt wird. Die Idee von Design Thinking ist nicht, dass die Kunden bzw. andere Fachbereiche nun selbst kreativ werden. Es geht um Einblicke, Transparenz und Zusammenarbeit. Aber der Kunde wird nicht selbst zum Gestalter, die Umsetzung liegt ja weiterhin bei uns. 

Neben der Umsetzung fällt auch die Moderation kreativer Workshops immer öfter in den Arbeitsbereich der Kreativen.

Das stimmt. Den kreativen Prozess zu leiten ist eine sehr anspruchsvolle Aufgabe. Wenn zum Beispiel ein Brainstorming nicht funktioniert, musst du schnell einen Plan B aus der Tasche ziehen, um die Gruppendynamik zu erhalten. Wer sich nur theoretisch mit Design Thinking befasst, kann die Vorstellung entwickeln, dass die Phase der Ideenentwicklung durch kreative Methoden steuerbar wird. Aber es ist wichtig zu wissen, dass der kreative Prozess in der Praxis weiterhin von Zufällen bestimmt wird. Der Zauber bleibt.

Gibt es dennoch bestimmte Voraussetzungen, damit ein kreativer Prozess gelingen kann?

Es ist wichtig, dass alle Involvierten auf einer Ebene sind, dass jeder seine Meinung und seine Ideen einbringen kann. Hierarchische Strukturen haben in einem Design-Thinking-Prozess keinen Platz. Als Designerin muss ich in diesen Situationen gut moderieren, jeden zu Wort kommen lassen und klare Regeln kommunizieren.

Die Übernahme von SinnerSchrader durch Accenture zeigt: Unternehmensberatungen und Agenturen nähern sich an. Wie stehst du zu dieser Entwicklung?

Ich nehme das positiv auf. Designerinnen und Designern wird damit die Chance eröffnet, die Prozesse von Beginn an mitzugestalten. Unser Berufsfeld öffnet sich. Ein stumpfes Abarbeiten und Umsetzen gesetzter Ideen gibt es nicht mehr.

Können Unternehmensberaterinnen und -berater einen Design-Thinking-Prozess genauso gut moderieren?

Auf beiden Seiten gibt es positive und negative Beispiele. Es kommt immer auf die individuellen Fähigkeiten an. Man sollte nicht zu subjektiv oder zu emotional sein und den Prozess so führen, dass er lösungsorientiert ist. Zudem ist es wichtig, ein Gespür für die jeweilige Arbeitsgruppe zu entwickeln. Wann ist eine Phase durch? Wann muss ich Impulse setzen, damit neue Einfälle entstehen?

Wie hast du deine Methodenkompetenz entwickelt?

Das ist ein stetiger Prozess. In meinem Studium habe ich die Grundlagen kreativer Methoden erlernt: Brainstorming, Scribblen, Vertesten von Ideen und Prototyping. In der Praxis konnte ich dieses Fundament dann sehr gut mit neuen Methoden anreichern. Nach einigen Jahren im Beruf habe ich einen Blueprint mit allen möglichen Methoden erstellt, die ich jemals angewendet habe. Das ist heute mein Werkzeugenkasten, aus dem ich je nach Projekt die richtigen Instrumente ziehe. Natürlich lassen sich dabei verschieden Methoden immer wieder zu neuen Herangehensweisen kombinieren.

Vor gut einem Jahr hast du dich selbstständig gemacht. Warum?

Ich war sehr zufrieden in meinem Job, hatte spannende Kunden und Projekte. Und trotzdem wuchs bei mir der Wunsch, mal wieder etwas Neues zu probieren - mal direkt beim Kunden zu arbeiten, andere Teams und Arbeitsweisen kennen zu lernen, neue Inspirationen zu finden und meine eigene Philosophie vom Arbeiten weiterzuentwickeln. Das klappt wirklich gut: Ich arbeite jetzt vier Tage die Woche an Kundenprojekten. Den Freitag reserviere ich mir für Herzensprojekte: Ich tausche mich mit spannenden Menschen aus und nehme mir Zeit für sinnstiftende Aufgaben. Dabei geht es dann nicht in erster Linie ums Geld. Das ist sehr bereichernd. Ich arbeite jetzt sehr effizient, fühle mich entfesselt, weniger eingeengt. Das beflügelt meine Kreativität.

Katharina Stoltze (29) arbeitet als selbstständige Interaction Designerin für verschiedene Auftraggeber – von internationalen Kunden in den Bereichen Lifestyle und Automotive bis hin zum Berliner Krypto-Start-up. Nach dem Studium des Kommunikationsdesigns am Institute of Design hat Katharina in verschiedenen Digitalstudios, wie Syzygy Hamburg, Hi-ReS! und zuletzt bei SinnerSchrader Swipe, gearbeitet. Seit September 2018 ist Katharina in unserem Pool der Kreativen, einem ausgewählten Expertenkreis, aus dem Industrieunternehmen Kreative gezielt zu Herausforderungen aus dem Bereich Smart Interior hinzuziehen. Hinter dem Konzept des dazugehörigen Formats Cross Innovation Lab steht die Idee, dass Kreative von Beginn an in die Entwicklung innovativer Produkte und Prototypen einbezogen werden sollen.

Workshop-Angebot: Design Thinking lernen und anwenden

Wer sich stärker mit den Möglichkeiten und praktischen Anwendungsbereichen von Design Thinking beschäftigen möchte, kann dies in unserem Workshops "Design Thinking für Einsteiger/innen" und unseren Aufbauworkshops tun. Die Termine für 2019 werden bis Dezember auf unserer Webseite und in unserem Veranstaltungflyer bekannt gegeben.

 

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