Urbane Produktion als Zukunftsweg

Eine Modekollektion, die nach High Fashion aussieht, aus nachhaltigen Materialien besteht und zwischen Jungfernstieg und Stadthausbrücke im FABRIC produziert wird. Was nach Utopie klingt, wird mit der Kollektion „Made in Hamburg“ Realität. Das Kollektiv 55555 zeigt, wie es geht.

Wer die Etiketten seiner Kleidung betrachtet, begibt sich auf Weltreise. China, Bangladesch, manchmal Portugal. „Made in Hamburg“? Höchst unwahrscheinlich. Doch den Status quo zu hinterfragen, liegt dem FABRIC und seinem Team. Das Future Fashion Lab in der Galleria Passage denkt seit seiner Gründung im Mai 2024 Mode neu: nachhaltig, kollaborativ, lokal, experimentell.

Fünf Perspektiven, eine Kollektion

Auf über 700 Quadratmetern Fläche kommt hier die Branche zusammen, seit 2026 gefördert von gleich drei Hamburger Behörden. „Das FABRIC möchte Möglichkeitsraum und Spielwiese, aber auch ein Ort der Professionalisierung sein“, sagt Ninu Dramis, Programm-Managerin des Projekts. So auch mit der ambitionierten Idee, eine gesamte Modekollektion gemeinsam vor Ort entstehen zu lassen. Doch wer ist bereit für dieses Experiment, das gleich mit mehreren gelernten Realitäten der Modewelt bricht? Projektleitung Suzanne Darouiche bringt fünf Modeschöpfer*innen aus der FABRIC Community zusammen. Für die Kollektion, die später „Made in Hamburg“ heißen wird, bilden die Members das Kollektiv 55555.

Rücken im Prozess immer weiter zusammen: das Kollektiv 55555. Foto: Ninu Dramis
Rücken im Prozess immer weiter zusammen: das Kollektiv 55555. Foto: Ninu Dramis

Ein Experiment, denn hier kooperieren fünf Modeschaffende mit ganz eigenen Stilen, Techniken und Kreativprozessen. Wie kommt man da zusammen? „Den gemeinsamen Weg haben wir während des Weges selbst gefunden“, erinnert sich Mone Unmüßig, Inhaberin der Micro Factory oHneH und Teil des Kollektivs. Wichtig seien Austausch und Vertrauen, Flexibilität und eine große Offenheit, damit sich nicht eine künstlerische Position durchsetze.

„Im Prozess konnte man sehen, was passiert, wenn man die Ellenbogen einfährt und gemeinsam etwas entstehen lässt.“

Jochen Ambacher

Das ist in einer Branche, die besonders kompetitiv ausgerichtet ist, eine Ausnahme. „Im Prozess konnte man sehen, was passiert, wenn man die Ellenbogen einfährt und gemeinsam etwas entstehen lässt“, bestätigt Jochen Ambacher, Projektleiter im Sozialunternehmen für textile Produktion „Made auf Veddel“ und ebenfalls Kollektivmitglied. Dazu habe das FABRIC als Ort maßgeblich beitragen. „Hier herrscht eine sehr offene Atmosphäre, was ich auch anders kenne. Oft fehlt der Austausch oder es besteht die Angst, dass Designs übernommen werden, sodass alle ein Geheimnis um ihre Arbeit machen“, erzählt Ambacher. „Es war etwas ganz Besonderes, dass im letzten Drittel wirklich Gemeinschaftsdesigns in Zweier- und Dreierkonstellationen entstanden sind“, beschreibt Unmüßig die Zusammenarbeit mit den drei anderen Kollektivmitgliedern Simone Ball, Nicole Kiersz und Masoumeh Shariatnaseri.

Wie aus Deadstock Fashion wird

Über Monate hinweg entsteht so parallel zum Tagesgeschäft eine Kollektion, wie man sie in der Hamburger Innenstadt, die von Fast Fashion und großen Designhäusern dominiert wird, kein zweites Mal findet. Die Materialien stammen unter anderem von Hanseactic Help, einer Hamburger Hilfsorganisation für Kleiderspenden. Die Designer*innen verwenden unverkauften Lagerbestand und überschüssige Materialien – sogenannten Deadstock – aus ihrem Bestand und in Form hochwertigen Merinogarns der Firma Südwolle. Außerdem verarbeitet Mone Unmüßig ein nachhaltiges und komplett industriell abbaubares Garn aus Milchsäure zu feinem Stoff.

Kleiderspenden, Deadstock, Milchsäure – kann das Fashion sein? „Uns war besonders wichtig, dass die Kollektion nicht nach Verzicht aussieht, sondern richtig Spaß macht“, beschreibt Ambacher den Anspruch des Kollektivs. Und dem werden sie gerecht: Im September 2025 tragen Models raffiniert bestickte Hemden, extravagante Zweiteiler und gewebte Unikate über dem schwarz-weißen Boden der Galleria Passage.

Deadstock, Gebrauchtes und Co. sahen nie besser aus. Foto: kapturing
Deadstock, Gebrauchtes und Co. sahen nie besser aus. Foto: kapturing
Styling für den großen Abend, an dem die monatelange Arbeit endlich präsentiert wird. Foto: Jan-Marius Komorek
Styling für den großen Abend, an dem die monatelange Arbeit endlich präsentiert wird. Foto: Jan-Marius Komorek

Doch nicht nur bei fulminanten Modenschauen vor 180 Modebegeisterten, auch im FABRIC-Alltag wird neben dem Nähen und Drucken aufgeklärt. Mit attraktiver Innenstadtlage, wechselnden Pop-ups und einem integrierten Café, das mit Kaffeeduft lockt, zieht es Interessierte und Laufkundschaft an. „Wer das FABRIC besucht, geht vielleicht an der gläsernen Manufaktur vorbei und sieht die Designer*innen bei der Arbeit. So entstehen schnell Gespräche über das, was hier passiert“, beschreibt Ambacher die Niedrigschwelligkeit des Projekts.

Ist lokale Produktion eine Utopie?

Eine Frage sitzt bei der Modenschau mit in der ersten Reihe: Bleibt lokale und nachhaltige Modeproduktion ein Experiment, ein Prototyp, eine Utopie? Ninu Dramis ist sicher: „Lokale Produktion ist mehr als eine Utopie. Sie ist ein Zukunftsweg.“ Spricht man mit den Kollektivmitgliedern Unmüßig und Ambacher, bestätigt sich diese These. Ihre Zusammenarbeit hat sich seit der „Made in Hamburg“-Kollektion verstetigt und ist zum realen Arbeitsalltag geworden.

„Lokale Produktion ist mehr als eine Utopie. Sie ist ein Zukunftsweg.“

Ninu Dramis

Ein Beispiel: Ende letzten Jahres hatte Jochen Ambacher eine Kundenanfrage an „Made auf Veddel” für die Produktion von rund 250 individualisierten Beanies. „Der Kunde wollte fertige Mützen aus 100 Prozent Acetat bei uns branden lassen. Also habe ich Mone mit dem Ziel angerufen, es besser hinzukriegen“, erzählt der Modedesigner. Der Kunde willigt ein, denn die Mützen sind trotz lokaler Produktion nur unwesentlich teurer. „Noch am selben Tag ist Mone in die Produktion des Stoffes gegangen.“ Das Ergebnis: Merino statt Acetat, Veddel statt Ausland, Unikat statt Massenware. Und für die beiden FABRIC Members ergab sich ein Auftrag, den sie einzeln nicht hätten annehmen können – und somit tatsächlicher wirtschaftlicher Mehrwert.

Ein Blick in die Zukunft

Doch nicht nur die „Made in Hamburg“-Kollektion zeigt neue Wege auf. Dramis stellt klar, dass das FABRIC gerade Pionierarbeit leiste, die auch überregional beobachtet und adaptiert werde. Bund, Länder und Branche wissen um den Nutzen des FABRIC. „Wir sind eine Blaupause für zukünftige Labs, die sich daraus entwickeln können.“

Denn: Das FABRIC ist hierzulande einzigartig. Der Status quo urbaner Modeproduktion in Deutschland baut sich zusammen aus privatwirtschaftlichen Produktionsstätten, Maker Spaces ohne expliziten Modefokus und spezialisierten Micro Factories. Außerdem gebe es Hubs für Netzwerk und Coworking – aber eben keinen Ort, der alles vereine.

Dass der Leuchtturm auch Richtung Presse und Öffentlichkeit strahlt, ist ein weiterer wichtiger Faktor. Denn die Hamburger Modebranche sei bei Weitem nicht „so laut und präsent“, wie sie es verdient hätte, wissen die Modeschöpfer*innen Unmüßig und Ambacher. Das FABRIC schaffe dringend benötigte Aufmerksamkeit.

Und: „Je länger so ein Projekt existieren darf, umso mehr kann es sich entwickeln. Mode ist zwar eine schnelle Sache, aber gleichzeitig brauchen Dinge auch ihre Zeit. Und wenn man so einen Ort weitergehen lässt, wird er immer lebendiger“, sagt Mone Unmüßig. Bis Ende 2026 ist das FABRIC bisher gesichert – und zeigt, was möglich ist.

All eyes on Hamburg: Das Kollektiv 55555 zeigt, was die Hansestadt in Sachen Mode zu bieten hat. Fotos: Jan-Marius Komorek
All eyes on Hamburg: Das Kollektiv 55555 zeigt, was die Hansestadt in Sachen Mode zu bieten hat. Fotos: Jan-Marius Komorek

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