Richtig gutes Zeug: Wie begeistern wir für Cross Innovation?

Ein Gespräch mit Claudia Köhler, die in der Thüringer Agentur für die Kreativwirtschaft innovative Programme entwickelt und zeigt, warum Unternehmen und Kreative gemeinsam mehr erreichen können.

Was verstehst du unter dem Begriff Cross Innovation?

Claudia Köhler: Cross Innovation bedeutet, dass unterschiedliche Menschen aus unterschiedlichen Branchen auf Augenhöhe zusammenkommen, um innovative Lösungen zu entwickeln. Menschen, die so vielleicht nie zusammengearbeitet hätten. Es ist eine Form der Co-Produktion, die weit über eine klassische Dienstleistungsbeziehung hinausgeht. Kreativschaffende und Vertreter*innen anderer Branchen arbeiten unter Anwendung einer Kreativmethode, meist Design Thinking, gemeinsam und partnerschaftlich an Herausforderungen, die sie ohne den berühmten Blick über den Tellerrand meist nicht lösen könnten.

Welche Rolle spielen Kreativschaffende dabei?

Kreativschaffende bringen innovative Methoden und andere Denkweisen in den Prozess ein, sie hinterfragen Bestehendes und sorgen oft für den entscheidenden Perspektivwechsel. In Cross Innovation-Prozessen werden Kreativschaffende mit lösungsnahen Kompetenzen ebenso einbezogen wie Kreative, meist aus kulturnahen Teilmärkten, deren Kompetenzen erst bei näherer Betrachtung lösungsrelevant werden.

Das kann zum Beispiel ein Theaterregisseur beim Lösen einer räumlichen Herausforderung sein. Gerade diese interdisziplinäre Zusammenarbeit ermöglicht neue Perspektiven, die sich von klassischen Innovationsprozessen unterscheiden. Gleichzeitig profitieren Kreativschaffende von dem Austausch: Sie erhalten Einblick in andere Wirtschaftszweige, lernen neue Anwendungsfelder für ihre Fähigkeiten kennen und können dadurch ihr eigenes Portfolio erweitern.

"Richtig gute Ideen brauchen maximal unterschiedliche Perspektiven."

Warum ist aus deiner Sicht branchenübergreifende Zusammenarbeit so wichtig?

Richtig gute Ideen brauchen maximal unterschiedliche Perspektiven. Klimanotstand, demografischer Wandel, technologischer Fortschritt: solche tiefgreifenden Transformationsprozesse lassen sich im Alleingang nicht bewältigen. Zusammenarbeit ist das Gebot der Stunde. Kollaboration, Kooperation und Ko-Kreation sind nicht umsonst die Buzzwords unserer Zeit. Kreativschaffende spielen dabei eine wichtige Rolle. Das Entwickeln neuer Ideen liegt in ihrer DNA. Gerade kleine und mittelständische Unternehmen, die keine eigene Forschungsabteilung haben, können von Cross Innovation enorm profitieren. Denn sie erhalten durch die Zusammenarbeit mit Kreativen nicht nur frische Ideen, sondern auch praxiserprobte Innovationsmethoden, die sie später selbst weiterführen können.

Kannst du uns ein konkretes Beispiel aus der Praxis nennen?

Ein gutes Beispiel ist die Familienbäckerei Bergmann. Diese stellte sich die Frage, wie die Bäckereibranche die Wertschätzung für lokale Rohstoffe und nachhaltige Backwaren steigern kann. Geschäftsführer Matthias Bergmann und sein Team arbeiteten dazu mit Kreativschaffenden aus verschiedenen Disziplinen zusammen, darunter eine Porzellandesignerin, ein Kommunikationsdesigner und eine Künstlerin.

Und was kam am Ende dabei heraus?

Im Prozess kamen die eigentlichen Painpoints der Bäckerei zum Vorschein. Zum einen, dass das Engagement in Richtung Nachhaltigkeit nach außen hin kaum bekannt ist und zum anderen, dass das Unternehmen nicht als das wahrgenommen wird, was es ist: als familiengeführte Bäckerei. Drei Ideen hat das Team gemeinsam entwickelt: die Brötchentüten als Kommunikationsflächen zu nutzen, die Herkunft von Backwaren durch Wortwolken in der Auslage zu erklären und ein Vorlesecafé mit dem Titel “Märchen zwischen Mohn und Mehl“. Im Vorlesecafé sollten Menschen generationsübergreifend in den Bergmann-Cafés zusammenkommen. Der Gedanke dahinter: Der Wert “Familie“ wird nicht nur kommuniziert, sondern in den Filialen auch nach außen sichtbar gelebt.

Welche Faktoren sind entscheidend, um Unternehmen für Cross Innovation zu gewinnen?

Der wichtigste Faktor ist der Mehrwert von Cross Innovation. Es muss klar werden, warum es für alle Beteiligten sinnvoll ist, sich auf diesen Prozess einzulassen. Wir wollen niemanden überreden, sondern die Unternehmen ansprechen, die ein echtes Interesse an interdisziplinärer Zusammenarbeit haben. Ein weiterer wichtiger Punkt ist das Vertrauen. Unternehmen müssen bereit sein, ihre üblichen Grenzen zu überschreiten und eine Kultur für offenen Wissenstransfer zu etablieren. Vertrauen ist nicht nur für das Team von Bedeutung, sondern auch für den gesamten Prozess. Dieser ist oft ergebnisoffen und dynamisch, und es müssen unterschiedliche Arbeits- und Denkkulturen zusammengebracht werden. Dieses Vertrauen muss von Beginn an vorhanden sein, damit der Cross Innovation-Prozess erfolgreich verlaufen kann. Empfehlungen von vertrauenswürdigen Personen und Geschichten von anderen Beteiligten können dabei helfen, dieses Vertrauen aufzubauen und den Einstieg in Cross Innovation zu erleichtern.

"Der Wert von Cross Innovation liegt nicht nur im Endergebnis, sondern im Prozess selbst."

Welche größten Herausforderungen begegnen Unternehmen, die sich mit Cross Innovation auseinandersetzen?

Ein häufig genanntes Problem ist die vermeintlich fehlende Zeit. Da der Cross Innovation-Prozess oft ergebnisoffen gestaltet ist, wissen die Teilnehmer*innen zu Beginn nicht, was am Ende herauskommen wird. Das macht es für viele Unternehmer*innen schwierig, den Ressourcenaufwand zu rechtfertigen. Doch genau das ist der Schlüssel: Der Wert von Cross Innovation liegt nicht nur im Endergebnis, sondern im Prozess selbst. Hier entstehen neue Erkenntnisse, Denkweisen und Perspektiven, die auch über den eigentlichen Prozess hinaus von Bedeutung sind.

Wie können diese kulturellen Unterschiede überbrückt werden?

In Cross Innovation-Prozessen treffen verschiedene Arbeits- und Denkkulturen aufeinander, was zu Anfangsbarrieren führen kann. Aber gerade diese Unterschiede sind es, die den Innovationsprozess bereichern. Die Herausforderung liegt darin, den Prozess der Zusammenarbeit so zu gestalten, dass alle Beteiligten ihre Expertise einbringen können und ein gemeinsames Ziel verfolgen. Eine weitere Schwierigkeit besteht darin, dass Cross Innovation häufig ein längerer, iterativer Prozess ist, der mehrere Phasen umfasst, wie Research, Ideenfindung, Prototyping und Reflexion. Teilnehmer*innen neigen dazu, sofort in Lösungen zu denken, was den mehrstufigen Prozess erschwert.

Wie lassen sich die Vorteile von Cross Innovation effektiver kommunizieren?

Die effektivste Methode, die Vorteile von Cross Innovation zu kommunizieren, ist es, konkrete Erfahrungen und Geschichten zu erzählen. Erfolgsgeschichten aus realen Projekten zeigen, wie Cross Innovation in der Praxis funktioniert und welche Ergebnisse erzielt werden können. Wenn Unternehmen und Kreative darüber sprechen, wie der Prozess ihre Denkweise verändert hat, wird das Vertrauen in Cross Innovation gestärkt. So wird anderen Unternehmen gezeigt, wie wertvoll der Austausch mit kreativen Köpfen sein kann und dass es sich lohnt, den Schritt in die branchenübergreifende Zusammenarbeit zu wagen.

Welche Rolle spielen kreative Ansätze bei der Entwicklung von Cross Innovation-Strategien?

Kreative Ansätze sind in Cross Innovation-Prozessen von entscheidender Bedeutung. Die Methode des Design Thinking, die häufig angewendet wird, fördert das lösungsorientierte und interdisziplinäre Denken. Dabei geht es darum, Probleme aus unterschiedlichen Perspektiven zu betrachten, neue Ideen zu entwickeln und diese in einem iterativen Prozess zu testen. Kreative Methoden helfen dabei, den Innovationsprozess zu strukturieren, ohne ihn dabei zu sehr einzuschränken. Sie fördern das Umdenken und ermöglichen es den Beteiligten, auf kreative Weise Lösungen zu finden, die sie mit traditionellen Ansätzen vielleicht nicht entdeckt hätten.

Wie stellst du dir eine zukunftsfähige Infrastruktur für Cross Innovation vor?

In der Zukunft könnte Cross Innovation als Standardprozess für Unternehmen etabliert werden, die ihre Herausforderungen nicht allein lösen können. Eine zukunftsfähige Infrastruktur würde es ermöglichen, Unternehmen und Kreative aus unterschiedlichen Branchen systematisch zusammenzubringen. Dazu könnten Beratungsstellen, Netzwerke oder Kammern dienen, die als Kontaktstellen für Unternehmen fungieren. Diese Institutionen könnten das Vertrauen aufbauen, das für eine erfolgreiche Zusammenarbeit notwendig ist. Ich hoffe, dass Cross Innovation als wertvolles Werkzeug erkannt wird, das Unternehmen hilft, ihre Innovationsprozesse zu verbessern und neue Lösungen für ihre Herausforderungen zu finden.

Zur Person

Seit acht Jahren unterstützt Claudia Köhler die Kreativwirtschaft in Thüringen. Nach Stationen im In- und Ausland, wo sie vorwiegend im Marketing für Unternehmen und EU-Projekte tätig war, stellte sie sich die Frage, wie sich Kreativität branchenübergreifend einsetzen lässt. Heute gestaltet sie als Teil der Thüringer Agentur für die Kreativwirtschaft (THAK) Räume für Innovation, begleitet Transformationsprozesse und fördert soziale Innovationen, unter anderem mit dem Cross Lab.

Claudia Köhler

Claudia Köhler

Thüringer Agentur für die Kreativwirtschaft

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