Place matters
Die Stadt als Gesamtkunstwerk: Im Interview spricht der britische Stadtforscher Charles Landry über sein Konzept der Creative City – und erklärt, welchen Stellenwert Kreativität für eine lebenswerte Stadt besitzt.
Die Stadt als Gesamtkunstwerk: Im Interview spricht der britische Stadtforscher Charles Landry über sein Konzept der Creative City – und erklärt, welchen Stellenwert Kreativität für eine lebenswerte Stadt besitzt.

Wie werden unsere Städte noch lebenswerter? Überall auf der Welt suchen Städte nach neuen Ideen, wie das Leben in urbanen Räumen besser und angenehmer gestaltet werden kann. Dabei geht es nicht nur um Lebensqualität, sondern auch darum, im Wettbewerb um talentierte Menschen und Investitionen attraktiv zu bleiben.
Der britische Stadtforscher Charles Landry verfolgt seit den 1980er-Jahren eine klare Vision: Städte sollen kreative Orte sein, die die Ideen und das Engagement aller Bewohner*innen nutzen. Mit seinem Modell der Creative City stellt er die schöpferische Energie ins Zentrum einer zukunftsgerichteten Stadtentwicklung – sei es durch Nachbarschaftsinitiativen, neue Formen von Verwaltung oder die professionelle Kreativwirtschaft.
Mit diesem Konzept ist Landry weltweit gefragter Experte und Impulsgeber für Politik und Stadtverwaltungen. Gemeinsam mit seiner Agentur Comedia hat er bereits über 500 Städte beraten – von Helsinki bis Dubai, von Osaka bis Oldenburg. Beim German Creative Economy Summit stellte der 76-Jährige seine zentralen Gedanken vor – im charmanten Wechsel zwischen deutscher und englischer Sprache – und stand uns nach seinem Auftritt für weitere Fragen Rede und Antwort.
Dein Konzept und Toolkit für kreative Städte hast du über die Jahrzehnte kontinuierlich weiterentwickelt. Was ist heute wichtig, woran du zu Beginn deiner Arbeit noch nicht gedacht haben?
Als ich die Idee ursprünglich hatte, war die alte Industrie am Boden. Damals ging es um Fragen zur Zukunft und Identität von Orten. Die Erkenntnis, dass auch die Kreativwirtschaft eine für Städte bedeutende Industrie ist, war damals sehr neu. Dieser Gedanke hat weitere Ideen in mir ausgelöst. Ich habe an breitere Formen der Kreativität gedacht, die sich zu einem Gesamtgefüge zusammensetzen. Dabei kam mir ein wunderbares deutsches Wort in den Kopf: Eine Stadt könnte sein wie ein Gesamtkunstwerk. Insofern hat sich mein Begriff von Kreativität im Laufe der Jahre erweitert. Später kam noch die Idee einer kreativen Bürokratie dazu. Wenn man die Stadt als Ökosystem begreift, dann spielt die Verwaltung darin eine besonders zentrale Rolle.
Allerdings habe ich einige Probleme, langfristige und kontemporäre, damals nicht genug berücksichtigt oder vorausgesehen. Zum Beispiel den Klimawandel. Oder wie rasant Gentrifizierung wirken kann. Damit habe ich mir einige Shitstorms auf Twitter eingehandelt.

Mit Werken wie „The Art of City Making“ und „The Creative City: A Toolkit for Urban Innovators“ hat Charles Landry den Diskurs der Stadtentwicklung um wichtige Impulse bereichert. Für ihn sind Neugier, Fantasie und Kreativität die Voraussetzung für Innovation. Das gilt besonders für Ideen, die sich mit den vielfältigen Herausforderungen von Städten befassen: darunter Wohnungsnot, wirtschaftliche Umbrüche, Migration oder der Rückgang öffentlicher Räume. Dabei ist Kreativität nicht auf wenige Künstler*innen und Spezialist*innen beschränkt – im Gegenteil: Um Potentiale zu heben, müssen Städte gute Rahmenbedingungen für kreativ handelnde Bürger*innen, Organisationen und Unternehmen schaffen. Mit dem Creative City Index hat Landry ein Instrument entwickelt, das den Puls und die Innovationskraft von Städten misst.
Sprechen wir über konkrete Orte! Viele Kreativschaffende sind auf der Suche nach besonderen Räumen – und finden sie häufig in den Relikten anderer Wirtschaftszweige. In aufgegebenen Industriehallen und Fabriken, wie hier auf Kampnagel. Oder zuletzt vermehrt in leerstehenden Kaufhäusern. Wie werden die kreativen Räume der Zukunft aussehen?
Es kommt auf den Ort an. In einer Stadt wie Rüsselsheim, die ich beim Projekt Cities Ahead analysiert habe, sind die Möglichkeiten und potentiellen Räume endlos. Aber dort, wo der Immobilienmarkt heiß ist, braucht es andere Lösungen. In London sind schon alle Räume besetzt, deshalb wird hier zum Beispiel mit Containerarchitektur experimentiert. Die alte Industriearchitektur wird auch in Zukunft beliebt bleiben, weil sie sich informell anfühlt und nicht komplett fertig. Man könnte es auch shabby chic nennen – ein Gegenstück zum steifen Corporate Setting.
Und was wird das Nächste sein? Ich glaube es werden mehr modulare Orte entstehen. Also Räume mit flexiblen und wechselnden Nutzungen. Und diese Modularität wird sich in der Architektur widerspiegeln. In der Berliner Friedrichstraße gibt es eine spannende Bankfiliale. Man geht hinein, sieht einen langen Tisch, eine Tür zu einem Garten und einen Bankschalter. Man fragt sich: Bin ich in einer Bank, einem Café oder bei einem Start-up gelandet?
Sind physische Orte überhaupt noch wichtig in der digitalisierten Welt?
Auf jeden Fall! Studien zeigen: Je digitaler wir werden, desto mehr zählen Orte und direkte Verbindungen. Place matters. Und wie man sieht, bin ich hier persönlich auf dem Kongress. Das ist einfach anders, als per Video dabei zu sein.
Kritiker verweisen auf die drohenden Gefahren, wenn eine Stadt zu attraktiv wird: Übertourismus, steigende Mieten oder die Verdrängung kreativer Nutzungen in immer dichter bebauten Quartieren, zum Beispiel auf Kosten von Musikclubs. Wie können Kreative dafür sorgen, dass sie nicht Opfer der selbst geschaffenen Attraktivität werden?
Das ist das große Dilemma. Mit der Idee der Creative City wollen wir Orte verbessern – für alle Menschen. Aber wenn Orte schöner werden, zieht das neue Leute an. Overtourism is a bloody thing. Gentrifizierung ist ein echtes Problem und eine der großen Fragen bei der Entwicklung von Städten weltweit. Dafür braucht es Regulierung, das können wir nicht allein dem Markt überlassen. Es muss weiter Platz für nichtkommerzielle Orte und Nutzungen ohne Marktwert geben. Dafür gibt es keine einfache Lösung. Meine Antwort heißt Kollaboration: zwischen der öffentlichen Hand, der Zivilgesellschaft und dem privaten Sektor. Es ist ein Geben und Nehmen, von dem alle profitieren können.
"Es braucht eine Verwaltung, die für unkonventionelle Schritte offen ist und nicht zu früh urteilt, auch wenn die Ergebnisse auf den ersten Blick chaotisch erscheinen."
Gibt es dafür ein gutes Beispiel?
Ein Vorbild für funktionierende Partnerschaften ist für mich Bilbao. Wir alle kennen das Guggenheim-Museum, aber dass die Stadt heute so inspirierend ist, hat einen anderen Hintergrund. Nach einer großen Flut wurde die Stadt strategisch umgestaltet und neu erlebbar gemacht – auch mithilfe von Kunst, Design und Kreativwirtschaft. Dahinter stand eine erfolgreiche Kooperation von über 140 öffentlichen und privaten Institutionen.
Welche Rolle spielen Politik und Verwaltung auf dem Weg zur kreativen Stadt? Kreativität kann doch nicht einfach geplant werden, oder?
Ja und nein. Sie kann ermöglicht werden. Es gibt natürlich Methoden, um kreative Prozesse zu fördern. Es braucht eine Verwaltung, die für unkonventionelle Schritte offen ist und nicht zu früh urteilt, auch wenn die Ergebnisse auf den ersten Blick chaotisch erscheinen. Ich nenne das Creative Bureaucracy.
In meinem Vortrag habe ich über Amsterdam gesprochen. Amsterdam hat die Bedeutung von kreativen Räumen erkannt und früh damit begonnen, Gebäude für kulturelle und künstlerische Nutzungen zu sichern. Diese sogenannten Broedplaatsen, also Brutstätten, findet man heute dezentral im gesamten Stadtgebiet.

Charles Landry war im März 2025 zu Gast auf dem German Creative Economy Summit und hat dort spannende Impulse zur Zukunft der Kreativwirtschaft gesetzt. Wenn dich das Interview interessiert, solltest du unbedingt den Summit 2026 auf LinkedIn und Instagram im Blick behalten – dort gibt es wieder Raum für vertiefte Gespräche und neue Perspektiven.
Die Creative City setzt auf die Idee einer allgegenwärtigen Kreativität. Welche Rolle spielen professionelle Kreativschaffende in diesem Modell?
Im Prinzip kann jeder Mensch kreativ sein. Aber manche Menschen sind objektiv noch ein bisschen kreativer als andere. Professionelle Kreative haben häufig eine ganz eigene Art zu denken, ein innovatives und laterales Denken. Mit einem offenen Mindset hinterfragen sie gewohnte Dinge und Prozesse. Ich habe verschiedene Projekte begleitet, bei denen industrielle Unternehmen sich Unterstützung von Kreativen geholt haben – wegen der unterschiedlichen Denkweisen. Es könnten noch viel mehr Verbindungen von der Kreativwirtschaft in andere Bereiche des Lebens geschaffen werden. Zum Beispiel im Gesundheitssektor: Warum sollte es neben Tabletten nicht auch Rezepte für Games oder Comedy geben?
Ein Problem ist, dass die Kreativwirtschaft gegenüber der Politik nicht mit einer gemeinsamen Stimme spricht, sondern jede Sparte für sich. So wird leicht übersehen, welche Werte hier geschaffen werden.
Derzeit erleben wir an vielen Orten einen politischen Rechtsruck. Ist das eine Gefahr für Kreativschaffende und das Konzept der kreativen Stadt?
Ich sehe da schon eine Gefahr, weil solche Entwicklungen weniger Offenheit und mehr Kontrolle bedeuten können. Und weil Vielfalt als Bedrohung wahrgenommen wird. Aber Kreativität braucht Vielfalt und Offenheit. Das ist der Ausgangspunkt für innovatives Denken.
Du hast Städte auf der ganzen Welt analysiert und beraten. Kannst du uns zum Abschluss noch einen Ratschlag oder ein Beispiel mit auf den Weg geben, von dem andere Städte lernen können?
Helsinki hat mich beeindruckt. Ich war dort vor einigen Jahren auf einem großen Festival für Start-ups. Es war ein kalter, dunkler Winter. Aber sie haben diesen Umstand positiv besetzt und mit einen Slogan wie „Embrace the darkness“ geworben. Also: Greife auf deine kulturelle Identität zurück, verbinde sie mit einem gewissen Selbstvertrauen und ein wenig Humor.