Sprechen wir über konkrete Orte! Viele Kreativschaffende sind auf der Suche nach besonderen Räumen – und finden sie häufig in den Relikten anderer Wirtschaftszweige. In aufgegebenen Industriehallen und Fabriken, wie hier auf Kampnagel. Oder zuletzt vermehrt in leerstehenden Kaufhäusern. Wie werden die kreativen Räume der Zukunft aussehen?
Es kommt auf den Ort an. In einer Stadt wie Rüsselsheim, die ich beim Projekt Cities Ahead analysiert habe, sind die Möglichkeiten und potentiellen Räume endlos. Aber dort, wo der Immobilienmarkt heiß ist, braucht es andere Lösungen. In London sind schon alle Räume besetzt, deshalb wird hier zum Beispiel mit Containerarchitektur experimentiert. Die alte Industriearchitektur wird auch in Zukunft beliebt bleiben, weil sie sich informell anfühlt und nicht komplett fertig. Man könnte es auch shabby chic nennen – ein Gegenstück zum steifen Corporate Setting.
Und was wird das Nächste sein? Ich glaube es werden mehr modulare Orte entstehen. Also Räume mit flexiblen und wechselnden Nutzungen. Und diese Modularität wird sich in der Architektur widerspiegeln. In der Berliner Friedrichstraße gibt es eine spannende Bankfiliale. Man geht hinein, sieht einen langen Tisch, eine Tür zu einem Garten und einen Bankschalter. Man fragt sich: Bin ich in einer Bank, einem Café oder bei einem Start-up gelandet?
Sind physische Orte überhaupt noch wichtig in der digitalisierten Welt?
Auf jeden Fall! Studien zeigen: Je digitaler wir werden, desto mehr zählen Orte und direkte Verbindungen. Place matters. Und wie man sieht, bin ich hier persönlich auf dem Kongress. Das ist einfach anders, als per Video dabei zu sein.
Kritiker verweisen auf die drohenden Gefahren, wenn eine Stadt zu attraktiv wird: Übertourismus, steigende Mieten oder die Verdrängung kreativer Nutzungen in immer dichter bebauten Quartieren, zum Beispiel auf Kosten von Musikclubs. Wie können Kreative dafür sorgen, dass sie nicht Opfer der selbst geschaffenen Attraktivität werden?
Das ist das große Dilemma. Mit der Idee der Creative City wollen wir Orte verbessern – für alle Menschen. Aber wenn Orte schöner werden, zieht das neue Leute an. Overtourism is a bloody thing. Gentrifizierung ist ein echtes Problem und eine der großen Fragen bei der Entwicklung von Städten weltweit. Dafür braucht es Regulierung, das können wir nicht allein dem Markt überlassen. Es muss weiter Platz für nichtkommerzielle Orte und Nutzungen ohne Marktwert geben. Dafür gibt es keine einfache Lösung. Meine Antwort heißt Kollaboration: zwischen der öffentlichen Hand, der Zivilgesellschaft und dem privaten Sektor. Es ist ein Geben und Nehmen, von dem alle profitieren können.