Der Irak erlebt trotz anhaltender Konflikte eine erstaunliche kulturelle Renaissance. Die Mode-, Film- und Musikszene ist mit wenig Ressourcen, aber viel Engagement gewachsen. Besonders spannend ist, dass Unternehmen im Kreativsektor oft soziale Innovationen vorantreiben. Sie schaffen Plattformen für junge Talente und fördern die kulturelle Identität in einer Gesellschaft, die von Jahrzehnten des Krieges und der Krise geprägt ist.
Ein ähnliches Phänomen geschieht in der Ukraine. Trotz des Krieges wurde die kulturelle Förderung nicht gekürzt. Warum?
Newbigin: Die ukrainische Regierung hat erkannt, dass Kultur mehr ist als nur Unterhaltung. Sie ist ein wesentliches Element für den gesellschaftlichen Zusammenhalt. Theateraufführungen, Musikveranstaltungen und Comedy-Clubs finden weiterhin statt, solange es die Sicherheitsbedingungen erlauben. Sie dienen den Menschen als seelischer Anker. Viele westliche Länder betrachten Kultur oft als Luxus, den man sich in Krisenzeiten nicht leisten kann. Aber die Ukraine ist der Beweis für das Gegenteil: Sie behandelt die Kultur als etwas, das von grundlegender Bedeutung ist. Das ist ein starkes Signal an die eigene Bevölkerung und an den Rest der Welt. Es unterstreicht, dass Kultur ein Mittel der Resilienz ist.
In London haben Sie das Projekt "Boroughs of Culture" ins Leben gerufen, das positive Auswirkungen auf sozial benachteiligte Gebiete hatte. Wie genau funktioniert das Konzept?
Newbigin: Die Stadt hat einen Wettbewerb initiiert, der jedes Jahr einem der 32 Londoner Stadtbezirke den Status "Borough of Culture" verleiht. Der Gewinnerbezirk erhält eine Million Pfund für Kulturprojekte, und in der Regel bringt die Kommune selbst weitere drei bis vier Millionen Pfund auf. Bemerkenswert ist, dass es sich bei den Gewinnern nicht um die wohlhabendsten Distrikte handelt, sondern vielmehr um solche, die Gebiete mit hohen Armutsquoten umfassen. Die Auswirkungen waren immens: Vor dem Programm sagten die meisten Bewohner*innen, dass sie sich schämten, dort zu leben. Am Ende des Jahres hat sich die Situation um 180 Grad gewendet. Ganze 60 Prozent waren stolz auf ihr Viertel. Kultur kann auch die soziale Identität und das Zugehörigkeitsgefühl stärken.
Die USA erleben eine massive kulturelle Debatte unter Trump. Was bedeutet das für Europa?
Newbigin: Der weltweite Rechtsruck ist besorgniserregend, da er auf Spaltung basiert. Die USA erleben derzeit eine Rhetorik des Kulturkampfes, die an klassische Strategien der extremen Rechten erinnert: Angst verbreiten, Feindbilder schaffen und Unsicherheit fördern. Kultur, Wissenschaft und Medien werden als Bedrohungen dargestellt. Europa muss diesem Trend mit Offenheit und kulturellem Austausch entgegentreten. Vielfalt ist nicht unsere Schwäche, sie ist unsere größte Stärke.
Interdisziplinäre Zusammenarbeit wird sowohl in der Kreativwirtschaft als auch im Technologiesektor immer wichtiger. Wie entscheidend ist dieser Ansatz für wirtschaftliche Innovationen?
Newbigin: Interdisziplinäre Zusammenarbeit ist der Schlüssel zu echter Innovation. Steve Jobs hat dies eindrucksvoll bewiesen: Bei der Entwicklung des iPhones setzte er statt eines Ingenieurs einen Designer an die Spitze: Jonny Ive. Jobs verstand, dass Technologie nur dann erfolgreich ist, wenn sie intuitiv und ästhetisch ansprechend ist. Diese Denkweise breitet sich immer weiter aus. Rolls-Royce zum Beispiel stellt Videospielentwickler*innen ein, weil sie über hohe mathematische Kompetenz verfügen, aber kreativer denken als konventionell ausgebildete Ingenieur*innen.
Wenn unterschiedliche Disziplinen zusammenkommen, entstehen völlig neue Ideen – und diese Überschneidungen treiben die wirtschaftliche Innovation voran.