4 Wege, wie sich Kreative für eine lebenswerte Stadt einsetzen können

Deutsche (Innen-)Städte stehen vor vielfältigen Herausforderungen, künftig attraktiv zu bleiben. Auf dem German Creative Economy Summit (GCES) suchen Expert*innen branchenübergreifend nach Visionen für eine lebenswerte Stadt – und nach der Rolle von Kreativen in diesem Prozess.

Eine Konsumorientierung in Innenstädten und ihr gleichzeitiges Sterben durch den Onlinehandel, die gescheiterte Vision einer autogerechten Stadt samt zögerlicher Verkehrswende, neue Arbeitsanforderungen durch Home Office: Deutsche (Innen-)Städte stehen vor vielfältigen Herausforderungen, künftig attraktiv zu bleiben. So auch Hamburg. Auf dem German Creative Economy Summit (GCES) suchen Expert*innen branchenübergreifend nach Visionen für eine lebenswerte Stadt – und nach der Rolle von Kreativen in diesem Prozess.

1. Stadt radikal neu denken

Wer kreativ arbeitet, ist alternative Prozesse gewöhnt: Kreative arbeiten zu unterschiedlichen Themen, entgegen gelernter Öffnungszeiten, mit agilen Methoden und in wechselnden Konstellationen. Dabei denken sie oft anders, radikal und angstfrei – eine wichtige Kompetenz in der von Bürokratie geprägten Stadtentwicklung. „Kreative können besser mit Unsicherheit umgehen als die Politik und Immobilienbranche“, weiß Panelgast Robin Höning, Architekt und Geschäftsleitung bei endboss.

„Kreative können besser mit Unsicherheit umgehen als die Politik und Immobilienbranche.“

Robin Höning

Das interdisziplinäre Studio für Raumfragen aus Hannover macht es vor: Mit den von ihnen ausgerufenen „Was wäre, wenn“-Wochen fördern sie die Fantasie der Zivilgesellschaft bei der Gestaltung von Stadtvierteln und schafften es mit ihrer Intervention für das Festival „Theaterformen“, eine vierspurige Hochbahn im Zentrum Hannovers für zwei Wochen zur Festivalbühne zu machen. Auch in Hamburg ist kreatives Prozesswissen gefragt: Wie passiert mit den Flächen ehemaliger Kaufhäuser? Wer bringt Leben aufs Gruner+Jahr-Gelände und was kann im ehemaligen Paketverteilzentrum am Kaltenkircher Platz entstehen? Kreative haben sicher (radikale) Antworten auf diese Zukunftsfragen parat.

2. Experimentelle Orte schaffen, nutzen und erhalten

Jupiter, Gängeviertel, Kraftwerk Bille: Nur drei Beispiele für das innovative Potenzial, das entsteht, wenn Kreative freien Gestaltungsraum erhalten – oder sich nehmen. Dann können sie beispiellos experimentelle Orte schaffen, neue Nutzungsideen umsetzen und so auch den Konsum als alleinigen Frequenzbringer infrage stellen. „Der öffentliche Raum gehört uns allen, aber das sieht nicht immer so aus“, erinnert Ivana Rohr, ebenfalls Geschäftsleitung bei endboss, das Publikum beim GCES und ermutigt, kreative Interventionen zuzulassen.

„Der öffentliche Raum gehört uns allen, aber das sieht nicht immer so aus.“

Ivana Rohr

Wie diese Orte – und ihr erweitertes Umfeld – aussehen sollen, wird über verschiedene Panels hinweg klar: „Wir brauchen multifunktionale Innenstädte, in denen Wohnen, Gastronomie und dritte Orte zusammenkommen“, fordert beispielsweise Reiner Nagel, Vorstandsvorsitzender der Bundesstiftung Baukultur. Hierbei müsse jede Stadt ihren eigenen Weg finden, ergänzt Karin Loosen, Präsidentin der Hamburgischen Architektenkammer. „Innenstädte sind in der Nachkriegszeit nach Schema F entwickelt worden. Solche generealistischen Ansätze darf es für die Belebung nicht noch einmal geben.“ Und wer wäre als Impulsgeberin für maßgeschneiderte Ideen besser geeignet als die Kreativwirtschaft?

Peter Kraus vom Cleff, Reiner Nagel, Karin Loosen, Florian Reiff und Theresa Schleicher diskutierten auf dem GCES zum Thema Innenstädte der Zukunft
Peter Kraus vom Cleff, Reiner Nagel, Karin Loosen, Florian Reiff und Theresa Schleicher diskutierten auf dem GCES zum Thema Innenstädte der Zukunft
Innenstädte sollten nicht nach Schema F entwickelt werden, meint Katrin Loosen, Präsidentin der Hamburgischen Architektenkammer.
Innenstädte sollten nicht nach Schema F entwickelt werden, meint Katrin Loosen, Präsidentin der Hamburgischen Architektenkammer.

3. Banden bilden und Sichtbarkeit schaffen

175,4 Milliarden Euro Umsatz erwirtschaftete die deutsche Kreativwirtschaft 2021. Damit ist sie eine treibende – und doch unterschätzte – Kraft. Elf Teilmärkte und diverse Bedürfnisse erschweren es dem Wirtschaftszweig jedoch, vereint aufzutreten und seine Interessen, ob lokal oder bundesweit, zu vertreten. „Wir müssen uns als Branche mit Wirkmacht positionieren, um bei der Gestaltung der Innenstädte mitreden zu können“, ermutigt Peter Kraus vom Cleff, der als Hauptgeschäftsführer des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels e. V. auf dem Summit einen klaren Blick für die Bedürfnisse des Handels beisteuert. Hierzu braucht es professionelle Bündnisse, Netzwerke und Interessensgruppierungen.

„Wir müssen uns als Branche mit Wirkmacht positionieren, um bei der Gestaltung der Innenstädte mitreden zu können.“

Peter Kraus vom Cleff
Peter Kraus vom Cleff, der als Hauptgeschäftsführer des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels e. V., ermutigt zur Mitgestaltung der Innenstädte
Peter Kraus vom Cleff, der als Hauptgeschäftsführer des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels e. V., ermutigt zur Mitgestaltung der Innenstädte

Doch damit nicht genug: Christian Ordon, Geschäftsführer bei der LiveMusikKommission e. V., unterstreicht, dass die Branche ihren Einfluss auch durch Dokumentation sichtbar machen müsse. „Ein Kultur-Kataster, wie beispielsweise Leipzig ihn hat, hilft entscheidend dabei, Größe, Breite und Vielfalt der Kunst- und Kulturorte einer Stadt darzustellen“, betont er aus Perspektive musikalischer Live-Spielstätten. Sich verbünden, geeint auftreten und den eigenen Impact sichtbar machen – eine Aufgabe, die für den Einfluss der Kreativbranche zentral ist.

4. Ideen in Form gießen

Fotografie, Gestaltung, Text: Kreativschaffende haben nicht nur Visionen einer lebenswerten Stadt, sondern können sie auch ansprechend darstellen. „Zugänge erzählen“, nennt Dr. Bastian Lange, Stadtmacher, Wissenschaftler und Leiter von Multiplicities Berlin diesen Ansatz. Er betont im Bühnendialog, dass die narrativen Kompetenzen von Kreativen bedeutend dazu beitragen können, abstrakten Visionen eine konkrete Form zu geben. Eine Form, die auch andere für die gebaute Umwelt begeistern kann. „Dazu braucht es Engagement und Menschen, die sich für ihre Stadt verantwortlich fühlen“, betont Zukunftsforscherin Theresa Schleicher. Ideen verständlich und attraktiv aufbereiten? Nicht erst seit gestern eine Stärke der Kreativen.

Warum Stadtentwicklung nur kreativ gedacht werden kann, beschreibt Bastian Lange im Panel "Die Stadt der Zukunft"
Warum Stadtentwicklung nur kreativ gedacht werden kann, beschreibt Bastian Lange im Panel "Die Stadt der Zukunft"

Kreativschaffende sind nicht die alleinigen „Retter der Stadt“ – aber sie können entscheidend dazu beitragen, den urbanen Raum zu gestalten. Wenn sie radikale Gedanken teilen, experimentelle Orte schaffen, geeint für ihre eigene Sichtbarkeit sorgen und ihre Ideen in eine zugängliche Form gießen. Ganz nach dem Motto: Let’s join creative forces.

Zu den Personen

endboss ist ein interdisziplinäres Studio für Raumfragen und -antworten in allen Größenordnungen. Das 15-köpfige Team kommt aus der Architektur, der Stadtplanung, der bildenden Kunst und Literatur, aus der Freiraumplanung, den Sozialwissenschaften und vom Bau. Mit ihren Projekten regen sie dazu an, den städtebaulichen Raum neu zu denken, zu diskutieren und zu gestalten. Deutschlandweit versuchen sie mit unterschiedlichen Ansätzen – jenseits von Methodenkoffern und Routinen – Menschen für ihre gebaute Umwelt zu begeistern und zu gesellschaftlichem Engagement anzustiften und zu aktivieren.

Ivana Rohr (Künstlerin) & Robin Höning (Architekt)

Ivana Rohr (Künstlerin) & Robin Höning (Architekt)

Teil der Geschäftsleitung bei endboss

Reiner Nagel ist Architekt und Stadtplaner und seit 2013 Vorstandsvorsitzender der Bundesstiftung Baukultur. Er ist Lehrbeauftragter an der TU Berlin im Bereich Urban Design und Mitglied der Deutschen Akademie für Städtebau und Landesplanung, außerordentliches Mitglied des Bundes Deutscher Architekten und Ehrenmitglied der Brandenburgischen Ingenieurkammer. 2020 wurde er als Mitglied in die Freie Akademie der Künste Hamburg, Sektion Baukunst, berufen. Seit 2021 ist er Mitglied des Vorstands von Urania Berlin.

Reiner Nagel (Foto: Lidia Tirri für die Bundesstiftung Baukultur)

Reiner Nagel (Foto: Lidia Tirri für die Bundesstiftung Baukultur)

Vorstandsvorsitzender der Bundesstiftung Baukultur

Karin Loosen ist Architektin und Stadtplanerin. Nach ihrem Studium an der TU Darmstadt gründete sie 1996 ihr eigenes Büro (heute: LRW Architektur und Stadtplanung) mit wechselnden Partner*innen. Loosen ist Präsidentin der Hamburgischen Architektenkammer, Vorstandsmitglied der Bundesarchitektenkammer, Beiratsmitglied der HafenCity Hamburg GmbH, Mitglied der Stadtgestaltungskommission München sowie Mitinitiatorin und Vorstandsvorsitzende der Hamburger Stiftung Baukultur (HSBK).

Karin Loosen (Foto: Berry Behrendt)

Karin Loosen (Foto: Berry Behrendt)

Präsidentin der Hamburgischen Architektenkammer

Peter Kraus vom Cleff, Diplom-Volkswirt, war vor seiner Tätigkeit beim Börsenverein des Deutschen Buchhandels e.V. mehr als 20 Jahre in verschiedenen Häusern der Verlagsgruppe Georg von Holtzbrinck tätig, zuletzt seit 2008 als kaufmännischer Geschäftsführer des Rowohlt Verlags. Von 2020 bis 2022 war er Präsident des europäischen Verlegerverbandes FEP.

Peter Kraus vom Cleff

Peter Kraus vom Cleff

Hauptgeschäftsführer des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels e.V.

Christian Orodn ist seit Mai 2023 Geschäftsführer der LiveMusikKommission e.V. Nach dem Studium der Kommunikations- und Kulturwissenschaften in Leipzig kehrte Christian Ordon für den Masterstudiengang Kulturmanagement nach Hamburg zurück. Nach verschiedenen Jobs und Praktika in der Popkulturbranche arbeitete er 2013 zunächst beim Clubkombinat Hamburg und wechselte kurz darauf in die LiveKomm-Geschäftsstelle. Im Jahr 2020 war er Gründungsmitglied der Bundesstiftung LiveKultur und ist dort seither als Beirat tätig.

Christian Ordon

Christian Ordon

Geschäftsführer der LiveMusikKommission e.V. (LiveKomm)

Dr. Bastian Lange, Stadtmacher und Wissenschaftler, leitet Multiplicities-Berlin. Das Ziel: Politik, Wirtschaft und kreative Szenen im europäischen Kontext auf Wegen zu zukunftstauglichen Stadtregionen unterstützen. Er lehrt an der Universität Leipzig. In den letzten Jahren verantwortet er als Wissenschaftler, Berater, Moderator und Impulsgeber Transformationsprozesse für gemeinwohlorientierte Räume in Stadt und Land.

Dr. Bastian Lange

Dr. Bastian Lange

Stadtmacher und Wissenschaftler, Leiter Multiplicities-Berlin

Theresa Schleicher gilt als führende Handels-Zukunfts-Expertin in der DACH-Region. Sie ist Zukunfts-Sparringspartnerin für Handelsunternehmen, dem renommierten Zukunftsinstitut und das Bundesministerium für Wirtschaft und Klimaschutz. Die Zukunftsforscherin, Data Scientist ist Autorin mehrerer bekannter Trendstudien im Handel und war zuvor Geschäftsführerin in der Hirschen Group, einer der größten Beratungs- und Kreativunternehmen im deutschsprachigen Raum.

Theresa Schleicher

Theresa Schleicher

Handelsexpertin und Zukunftsforscherin

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