Initiatives of theHamburg Kreativ Gesellschaft

Wie können wir gerechter gestalten?

Produkte und Prozesse sind für manche Menschen komfortabel, während sie andere ausschließen. Im Design Zentrum Hamburg geben Mawuto Dotou und Anna Unterstab Workshops zu Intersektionalität und Gestaltung – und vermitteln kreative Ansätze, um diskriminierende Strukturen zu brechen.

Wie können wir gerechter gestalten? -

Mawuto und Anna, wie können durch Gestaltung bestimmte Machtverhältnisse reproduziert werden?

Anna: Ähnlich wie Sprache ist Design ein System, das unsere Umwelt stark prägt und eine Norm mitkonstruiert. Objekte oder Räume werden oft so geplant, dass sie für bestimmte Gruppen leichter zu nutzen sind als für andere. Das klingt vielleicht erst mal unschuldig, summiert sich aber schnell. Wenn aber eine Schwarze Person im Alltag ständig keine Seife aus automatischen Seifenspendern bekommt, weil diese oft besser auf helle Haut reagieren, reiht sich das als Mikroaggression ein in diverse Diskriminierungserfahrungen.

Mawuto: Wir alle wachsen in Machtstrukturen auf, die von uns reproduziert werden, wenn wir uns nicht aktiv mit ihnen auseinandersetzen. Design ist davon nicht befreit. Da gibt es viele Beispiele: Warum werden Rasierer für zwei verschiedene Geschlechter designt und vermarktet? Wie werden öffentliche Leitsysteme gestaltet und wer kann diese verstehen?

Welche Verantwortung tragen dabei Gestalter*innen?

Mawuto: Wir sind die ausführende Kraft. Unsere Aufgabe ist es, rassistische, diskriminierende, sexistische und gender-binäre Strukturen nicht nachzuahmen. Das erfordert Wissen, Austausch und Recherche. Viele belächeln zum Beispiel die Schriftart Comic Sans, die allerdings für Menschen mit Sehbeeinträchtigung sehr gut lesbar ist. Solche Dinge erfahren wir erst, wenn wir miteinander sprechen.

Anna: Die Realisation, dass Design nicht neutral ist, können wir auch als Chance begreifen, kritisch zu hinterfragen: Wen zentriere ich mit meinem Design und wieso? Was könnten intersektionale Ansätze sein? Gestalter*innen können da durchaus eine aktivistische Rolle einnehmen.

Was genau bedeutet es, intersektional zu gestalten?

Anna: Intersektionalität kommt ursprünglich aus der Schwarzen Frauenbewegung in den USA und beschreibt die Überschneidung verschiedener Formen von Diskriminierung. Im Zentrum stehen Race, Gender und Class. Das Konzept kann als eine Art Lupe verstanden werden, durch die man fast alle Bereiche betrachten und analysieren kann. Ein intersektionaler Blick auf Design ist auch ein politischer Blick auf Design.

Mawuto: Es geht darum, sich in der eigenen Arbeit mehr Perspektiven marginalisierter Personen zu öffnen und Gestaltetes so für mehr Menschen zugänglich zu machen.

Anna: In der Behindertenbewegung gibt es da zum Beispiel das Motto: "Nothing about us without us."

"Ein intersektionaler Blick auf Design ist auch ein politischer Blick auf Design."

Ihr beschreibt das als einen fortlaufenden Prozess, der sich nicht einfach per Checkliste abhaken lässt. Was meint ihr damit?

Mawuto: Zum einen ist so eine Checkliste problematisch. Nur weil jemand im Gestaltungsprozess mit mir gesprochen hat, kann die Person nicht automatisch das Antirassismus-Kästchen abhaken. Zum anderen gibt es keinen gradlinigen Lösungsweg, denn sonst wären viele Probleme bereits behoben. Wir haben bloß Ansätze, mit denen wir versuchen, etwas besser zu machen.

Anna: Wichtig finde ich auch, dass es eine gewisse Fehlerfreundlichkeit und offene Gesprächskultur gibt. Es ist okay, dass du nicht alles richtig machst – schon gar nicht sofort. Ausschlüsse zu verlernen, ist ein langfristiger Prozess.

Habt ihr trotzdem konkrete Vorschläge, wie Designer*innen ihre Arbeitsprozesse intersektionaler machen können?

Mawuto: Ein erster Grundsatz wäre, mit Leuten zu gestalten, anstatt über sie hinweg. Ein zweiter, Fragen zu stellen, und ein dritter, im Team zu arbeiten. Gemeinsam kommen wir weiter als allein. Außerdem lohnt es, sich mit Theorie außerhalb des klassischen Designkanons zu befassen.Es lohnt sich, mehr über die Praktiken marginalisierter Personen zu lernen – sowohl im Designbereich als auch außerhalb davon.

Anna: Die Auseinandersetzung ist für viele Designer*innen erst mal einschüchternd. Doch auch wenn dem Thema eine gewisse Schwere anhaftet, darf es trotzdem Spaß machen. Es gibt keinen einheitlichen Look für diskriminierungssensibles Design, sondern ganz viele ästhetische Möglichkeiten. Genau deshalb haben wir gemeinsam mit Antonia Fedder gerade eine neue Austauschreihe im Design Zentrum gestartet. Bei "Design mit Perspektive" kommen wir regelmäßig zusammen, um uns gegenseitig in diesem Lern- und Verlern-Prozess zu begleiten. Wir freuen uns über alle, die dabei sein wollen!

Was können Kreative aus anderen Branchen von diesen Ansätzen lernen?

Mawuto: Ehrlicherweise würde ich da gar nicht groß unterscheiden. Es geht, branchenunabhängig, um einen offeneren Blick. Ein Bewusstsein für das Thema zu entwickeln, ist die halbe Miete. Menschen, die kreativ arbeiten, sollten sich unbedingt mit anderen Disziplinen und sozialen Bewegungen auseinandersetzen!

Und wie könnten städtische Einrichtungen dazu beitragen, dass unsere Kreativwirtschaft inklusiver wird?

Anna: Gerade Organisationen, die den Anspruch haben, die Hamburger Stadtgesellschaft zu repräsentieren, sollten in ihren Teams weniger homogen und weiß sein. Da gibt es noch viel Luft nach oben.

Mawuto: Gebärden-Dolmetscher*innen bei Vorträgen engagieren oder marginalisierte Personen auch bei mehr Talks sprechen lassen, die sich nicht explizit um Diversität drehen. Soli-Tickets für Menschen mit weniger Geld anbieten. Es geht einfach darum, Plattformen und Mitgestaltungsmöglichkeiten für verschiedene Gruppen zu eröffnen. Welche Ideen habt ihr für das nächste Jahr, liebe Kreativ Gesellschaft?

Zu den Personen

Mawuto Dotou arbeitet an der Schnittstelle von Kommunikationsdesign, sozialer Gestaltung und kultureller Praxis. Deren Arbeit ist geprägt von intersektionalen Perspektiven, gesellschaftlicher Haltung und prozessorientierter Gestaltung. Erfahrungen aus Freelancing, Lehre und künstlerischer Forschung fließen in Workshops, Talks und Mentoring Formate ein mit dem Ziel, Gestaltung als Werkzeug für Sichtbarkeit, Empowerment und kritische Auseinandersetzung zugänglich zu machen.

Wie können wir gerechter gestalten? -

Mawuto Dotou

Anna Unterstab ist freischaffende Gestalter*in für Ausstellungsräume, soziale Transformation und Bücher in Hamburg. Sie forscht und lehrt als künstlerische Mitarbeiter*in im Informationsdesign an der Burg Giebichenstein Kunsthochschule Halle. Unterstab arbeitet aus einer queeren und machtkritischen Perspektive. In ihrem 2024 erschienen Buch "Design intersektional unter die Lupe nehmen", benennt sie Gestaltung zwar als Komplizen von Diskriminierung, aber auch als Werkzeug für Widerstand.

Wie können wir gerechter gestalten? -

Anna Unterstab

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