Mit Weitblick durch die Krise

Innovation trotz Unsicherheit: Mit strategischer Vorausschau zeigt der Cross Innovation Hub, warum gerade jetzt der richtige Moment ist, um mutig nach vorn zu blicken. Wie Foresight nötige Veränderungen auch in Krisenzeiten ermöglicht, erklärt Co-Lead Louisa Steinwärder.

Was ist Foresight – und was leistet der methodische Ansatz für Unternehmen?

Foresight unterstützt dabei, plausible Zukünfte zu entwickeln und daraus strategische Entscheidungen für das Hier und Jetzt abzuleiten. Wir setzen uns mit gesellschaftlichen, technologischen, wirtschaftlichen, ökologischen und politischen Entwicklungen auseinander und entwerfen mögliche Szenarien, die deutlich machen, welche Veränderungen für das Unternehmen wahrscheinlich sind. Aus diesen Szenarien leiten wir dann zukünftige Bedarfe, Marktpotenziale oder strategische Handlungsoptionen ab. Das legt wiederum die Basis für echte Innovation, Disruption – und letztlich für Wettbewerbsvorteile.

Was sind die größten Aha-Momente für eure Kund*innen?

Ein großer Aha-Moment ist oft schon, überhaupt zu verstehen: Wie kann man über Zukunft nachdenken? Eine wichtige Erkenntnis ist dabei, dass es nicht die eine Zukunft gibt. Wir schauen uns verschiedene mögliche Zukünfte an – nicht mit Blick in die Kristallkugel, sondern möglichst plausibel.

Zur Person

Louisa Steinwärder ist Co-Lead des Cross Innovation Hub der Hamburg Kreativ Gesellschaft und begleitet Unternehmen sowie öffentliche Einrichtungen beim Aufbau von Zukunftskompetenz. Gemeinsam mit Raffaela Seitz verantwortet sie die Leitung und inhaltliche Weiterentwicklung des Hubs. Zuvor war sie für die Konzeption, Organisation und Umsetzung von Cross-Innovation-Formaten zuständig.

Am Ende geht es um Wahrscheinlichkeiten und darum, Organisationen für unterschiedliche Zukunftsvarianten handlungsfähig zu machen. Wir regen zum Beispiel bewusst dazu an, auch dystopische Szenarien zu durchdenken – also mithilfe von Trends das eigene Geschäftsmodell einmal konsequent zuzuspitzen und „gegen die Wand zu fahren“. Dieser Perspektivwechsel schafft erst einmal Weitblick. Danach kommen wir wieder ins Hier und Jetzt zurück und entwickeln, beispielsweise mit Methoden aus dem Design Thinking, ganz konkrete Lösungswege.

Kreativschaffende sind elementarer Bestandteil eurer Prozesse. Wie bringen sie sich ein?

Die Innovationsfähigkeit der Kreativwirtschaft ist deutlich höher als die vieler anderer Branchen. Kreative sind sehr geübt darin, Wissen neu zu kombinieren und komplexe Inhalte in andere Kontexte zu übertragen – also Synthese zu leisten. Dazu kommt ein starker Perspektivwechsel: Sie können sich gut in unterschiedliche Nutzer*innen oder Gruppen hineinversetzen und bringen viel Empathie mit. Außerdem haben sie eine hohe Sensibilität für den Kern eines Problems. Und weil sie in ihrer Arbeit ständig Neues entwickeln, können sie in kurzer Zeit viele Ideen hervorbringen, die originell und sinnhaft zugleich sind.

„Kreative sind sehr geübt darin, Wissen neu zu kombinieren und komplexe Inhalte in andere Kontexte zu übertragen – also Synthese zu leisten.“

Zu guter Letzt sind sie Expert*innen für Storytelling und können Zukünfte in Bilder, Emotionen und Geschichten übersetzen – und genau das macht sie zu so wertvollen Partner*innen in strategischen Foresight-Prozessen.

Ihr arbeitet neben Unternehmen auch mit öffentlichen Einrichtungen. Gibt es Unterschiede?

Ja, denn häufig steht bei Organisationen wie Behörden weniger das Produkt im Vordergrund als Themen wie Organisationsentwicklung, Innovationskultur und langfristige Handlungsfähigkeit. Die Herausforderungen ähneln denen der Privatwirtschaft, aber der Fokus verschiebt sich: Wie können interne Prozesse angepasst werden? Wie bleibt eine Organisation lernfähig? Und wie können Mitarbeitende stärker einbezogen werden?

„Was häufig fehlt, ist ein gemeinsames Zielbild, das auch emotional trägt – mit einer starken Vision, gutem Storytelling und einem klaren Narrativ.“

Viele Unternehmen erleben gerade Dauerkrisen statt Planungssicherheit. Gerät der Blick in die Zukunft da nicht eher in den Hintergrund?

Im ersten Moment ja. Der Fokus liegt dann oft auf dem Kerngeschäft – und das ist auch absolut nachvollziehbar. Gleichzeitig ist es paradox: Gerade in Krisenzeiten braucht es Innovation und wünschenswerte Zukunftsbilder. Die Arbeit mit Foresight kann mittelfristig zu mehr Planungssicherheit führen, indem man sich frühzeitig auf mögliche Zukünfte vorbereitet. Insofern sind unsichere Zeiten eigentlich ein gutes Momentum für den Blick nach vorne.

In vielen Organisationen bleiben Transformationsprozesse stecken. Woran liegt das – und was hilft, um wieder in Bewegung zu kommen?

Häufig verharren Organisationen in internen Denkmustern. Da hilft ein frischer Blick von außen, ein maximaler Perspektivwechsel – in unserem Fall durch Kreativ-Expert*innen. Außerdem geht es darum, zu verstehen, dass Transformation mehr ist als ein Projekt. Oft werden zwar strukturelle Veränderungen angestoßen, aber die Kultur wächst nicht mit. Mitarbeitende werden nicht ausreichend eingebunden und Faktoren wie Mindset, Werte, informelle Regeln oder Machtverhältnisse werden unterschätzt.

Was häufig fehlt, ist ein gemeinsames Zielbild, das auch emotional trägt – mit einer starken Vision, gutem Storytelling und einem klaren Narrativ. Hier können Kreative wieder eine wichtige Rolle spielen. Transformation sollte nicht linear gedacht werden, sondern als fortlaufender Lern- und Entscheidungsprozess. Dafür braucht es Raum, Zeit und die Ermutigung, Dinge auszuprobieren, zu testen und daraus zu lernen. Denn Lernfähigkeit ist letztlich die Grundlage dafür, dass Organisationen reaktions- und veränderungsfähig bleiben.

Wenn du nach vorn schaust: Welche Fragen sollten sich Unternehmen heute stellen, um auch in fünf oder zehn Jahren noch relevant zu sein?

Zentral ist die Frage: Wie verändert sich die Umwelt der Organisation? Also: Welche gesellschaftlichen, technologischen, ökonomischen, ökologischen und politischen Faktoren wirken auf uns ein – und was bedeuten sie für unser Geschäftsmodell und unsere Strategie? Genauso wichtig ist aber die Frage nach der eigenen Lernfähigkeit: Wie gut sind wir wirklich darin, uns anzupassen? Und was müssen wir loslassen, um relevant zu bleiben?

Veränderung bedeutet eben auch Abschied. Sich der Zukunft zu stellen, erfordert Mut. Aber es ist letztlich die einzige Möglichkeit, handlungsfähig und selbstwirksam zu bleiben. Denn sonst passiert Zukunft einfach und man reagiert nur. Foresight hilft dabei, ins Gestalten zu kommen – und genau darin liegt die große Chance.

Case

Zukünfte des Reparierens

Warum und wie werden Menschen in den 2030er-Jahren heimwerken? In einem dreitägigen Foresight-Prozess hat tesa gemeinsam mit Kreativ-Expert*innen des Cross Innovation Hubs mögliche Do-it-yourself-Szenarien erkundet. Auf Basis von Trends und Analysen in Bereichen wie Konsum, Technologie und Ökologie identifizierte das Team zehn strategische Suchfelder. Sie bilden die Basis für neue Ideen im zukünftigen tesa-Portfolio.

Case

Foresight für den Journalismus

Wie sieht die Zukunft des öffentlich-rechtlichen Rundfunks aus? In einem kompakten Halbtagesworkshop hat sich der NDR gemeinsam mit dem Cross Innovation Hub genau dieser Frage gestellt. Mit zentralen Foresight-Ansätzen entwickelten die Teilnehmenden eigene Zukunftsszenarien für die redaktionelle Praxis. Die konkreten Zukunftsbilder des ÖRR eröffneten neue Perspektiven und Impulse für den Arbeitsalltag.

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