9.5.2020

Coronakrise

#keinerkommt, alle helfen

Plakat via keinerkommt.dePlakat via keinerkommt.de

Lars Meier ist der Initiator des #keinerkommt-Festival, einem Solidaritäts-Nicht-Festival: Ticketkäufer/innen erhalten keinen Zutritt zu einem Festivalgelände. Stattdessen erwerben sie die wohltuende Gewissheit, die durch Corona in Not geratene Hamburger Kultur- und Kreativszene unterstützt zu haben. Ein Gespräch über die ungewöhliche Spendenaktion.

Lars, du bist der Vorsitzende des MenscHHamburg e.V. Was genau macht der Verein?

L: MenscHHamburg versucht auf unbürokratische Weise, Hamburgerinnen und Hamburg in Not zu unterstützen. Wir sammeln Spenden – aber bei uns macht Spenden Spaß. Dafür veranstalten wir regelmäßig unterschiedliche Aktionen, wie etwa das Kartenspiel-Tunier MauMau-Masters.

Die Idee ist, jenen Menschen Spenden zukommen zu lassen, die im Schatten stehen und nicht laut schreien. Und so ist es auch bei unserem #keinerkommt-Festival.  

Du bist der Initiator des Festivals. Wie und wann kam dir die Idee?

L: So eine Idee hat keinen Urknall. Eine Idee entsteht durch Aufmerksam-Sein und unterschiedliche Einflüsse.

Wegen Corona fallen Kultur- oder Sportveranstaltungen aus. Ganz großartig fand ich den Vorschlag, sich den Preis bereits gekaufter Karten nicht zurückerstatten zu lassen – eben damit die Institutionen Geld zur Verfügung haben, das ihnen durch die Krise hilft.  Ich habe die Idee weitergedacht: Ich habe eine Veranstaltung erfunden, die es definitiv nicht geben wird und bei der Menschen bewusst Tickets kaufen, um den Erlös als Spende an MenscHHamburg fließen zu lassen.

Als die Idee stand: Wie lang hat es gedauert, bis ihr mit dem Webauftritt live gegangen seid?

L: Das hat genau 120 Stunden gebraucht.

Hast du die Zeit gestoppt?

L: An einem Mittwoch-Nachmittag hatte ich die Idee und am darauffolgenden Montag um 15 Uhr sind wir mit einem perfekt gestalteten Plakat und einem Ticket-Shop an den Start gegangen. Also das haben wir alles schon in ziemlicher Rekordzeit auf die Beine gestellt.

Für so eine rasante, professionelle Umsetzung benötigt man einiges an Expertise. Woher kriegt man auf die schnelle ein Team mit den notwendigen Kompetenzen?  

 L: Wir setzen das Projekt mit der Gute Leude Fabrik um, deren Inhaber ich bin. Wir sind eine Veranstaltungs- und PR-Agentur. Wir haben wir das in einem Projektteam aus drei Personen gewuppt. Das ist schon eine herausragende Leistung der Mitarbeiter - vor allem weil parallel noch das normale Tagesgeschäft läuft und wir selber überlegen müssen, wie wir als Agentur die Krise überstehen.

Zahlreiche namenhafte Personen wie der Moderator Klaas Heufer-Umlauf oder die Schriftstellerin Kirsten Boie bewerben das Festival auf ihren Social-Media-Kanälen. Kanntet ihr all diese Menschen eh schon persönlich?

L: Nee, definitiv nicht. Ich hatte ein, zwei Kontakte und habe die dann gebeten das wiederum mit ihren Kontakten zu teilen. So hat sich das sehr schnell ausgebreitet. Wir konnten das Projekt nur so schnell umsetzten, weil wir innerhalb kürzester Zeit genügend Personen gefunden haben, die von der Idee genauso begeistert sind wie wir.

Mittlerweile werden wir auch kopiert. Berlin, Schweinfurt, Koblenz, Innsbruck, München sind die Städte, die mir spontan einfallen. Die haben das Konzept so oder ähnlich übernommen – immer mit dem Hinweis, dass die Idee aus Hamburg stammt.

Die Resonanz auf das Projekt scheint sehr positiv zu sein.

L: Es erreicht uns unglaublich viel Zuspruch. Wir kriegen ganz viel Liebe von den Hamburgerinnen und Hamburgern, von ganz unterschiedlichen Institutionen und Personen. Es kommen Leute aktiv auf uns zu: Otto Walkes hat mich irgendwann angerufen. Mit dem hatte ich vorher nie Kontakt! Mir ist fast der Hörer aus der Hand gefallen. Von Otto verkaufen wir jetzt Bilder auf der Website.

Darüber hinaus kriegen wir zahlreiche Unterstützervideos. Zum Beispiel von Christian Streich, dem Trainer vom FC Freiburg. Der hat gar nichts mit Hamburg zu tun und hat noch nie ein Video für Social Media aufgenommen – aber er war einfach so begeistert von dem Projekt und wollte uns unterstützen. Das ist alles echt schon echt großartig.

Wem kommen denn die Einnahmen zu Gute?

L: Wir dritteln die Einnahmen und verteilen sie auf die Bereiche Film, Theater und Musik. Akteure aus den Branchen können bei uns auf der Website Anträge stellen. Die werden dann geprüft auf Wahrhaftigkeit und Bedürftigkeit. Über die Verteilung der Gelder entscheidet ein bunt besetztes Gremium aus 40 Personen, die eben aus diesen Bereichen - Film, Theater, Musik - kommen. Wir versuchen, das Geld so gut und vernünftig einzusetzen, wie irgend möglich.

Nun stellt sich natürlich noch die entscheidende Frage: Wie kann man das Projekt unterstützen?

L: Man kann auf www.keinerkommt.de gehen und dort Karten kaufen. Und man kann sich selber ein schönes Andenken kaufen, etwa in Form einer Tasse oder eines T-Shirts. Das ist das Einzige, was es als Erinnerung an dieses Festival geben wird. Und auch mit diesem Kauf unterstützt man das Projekt.

Die Leute sollten sich einen Ruck geben und noch schnell eine Karte kaufen. Es wäre ja ein Unding, bei diesem Nicht-Festival nicht dabei zu sein.

Danke für das Gespräch, Lars!

Lars Meier ist Vorstandsmitglied bei MenscHHamburg e.V., Geschäftsführer und Ideengeber der Gute Leude Fabrik und von Lars Meier Management & PR. Der Initiator von #KEINERKOMMT baut auf „verrückte Ideen in verrückten Zeiten“.

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