Der Cross Innovation Hub wird mit Mitteln aus dem Europäischen Fonds für regionale Entwicklung (EFRE) co-finanziert.

22.2.2019

Perspektivwechsel

Einfache Probleme – komplexe Lösungen

Fotografin: Anja BeutlerFotografin: Anja Beutler

Alle reden vom Druck der Veränderung, vom Bedarf nach „Change“. Ein Gespräch mit Kaja Jakstat und Maike Tödter, die mit „Zwei Eulen“, einem Büro für Dramaturgie und Produktion, konkrete Schritte wagen.

Seit 2012 begleitet ihr freie darstellende Künstlerinnen und Künstler strategisch und praktisch auf dem Weg, ihre Visionen zu verwirklichen. Was treibt euch an, nun auch verstärkt mit Unternehmen und anderen Branchen zusammenzuarbeiten?

Kaja: Unternehmen wollen sich verändern, um wettbewerbs- und zukunftsfähig zu sein. Das war schon immer so. Aber auf dem Weg dorthin geht es heute viel stärker darum, Menschen zu bewegen, mehr von sich selbst einzubringen, um ein wertvoller Teil einer Kollaboration zu sein und sich auch so zu fühlen. In Zeiten von Automatisierung und Robotik wird es immer wichtiger, dass der Mensch mit Kopf und Herz beteiligt ist. Das wiederum setzt voraus, dass er sich wohl fühlt. Aus betriebswirtschaftlicher Sicht kann man sagen: Nur dann wirft er Profit ab. Wir merken, dass wir in dieser Hinsicht viel einbringen können - damit Menschen mit ihrem ganzen Sein an einem Strang ziehen.

Welche Erfahrungswerte aus eurem Kontext der Darstellenden Künste könnt ihr an andere Branchen weitergeben?

Kaja: Es geht oft um eine Haltung zu den Dingen, die wir weitergeben können. Im Prinzip geht es um den Kerngedanken einer Probe, um den „Try and Error“-Prozess: Man weiß vor der Probe, dass man scheitern wird, aber während der Probe merken die Beteiligten, welches Scheitern sie weiterbringt. Es geht darum, immer wieder um diese schmerzende Stelle zu kreisen – anders als in der Programmierung bspw. eines Autopiloten, wo es darum geht, den Fehler immer schon vorwegzunehmen.

Maike: Wobei dieser Gedanke in der Theorie bereits sehr verbreitet ist – Stichwort agiles Projektmanagement. Aber in der Praxis ist die Fehlertoleranz in Unternehmen oft noch sehr gering, es gibt keinen Mut zum Fehler.

Auch die Praxis des Probens will also geprobt sein?

Maike: Genau, man muss die Fehler und den Umgang damit proben. Für Kreativschaffende, die ihre Arbeitsmodelle permanent neu aushandeln, ist das Routine. Bestimmten wirtschaftlichen Mechanismen, die in anderen Branchen sehr gängig sind, läuft das Neuerfinden komplett entgegen.

Welchen zum Beispiel?

Maike: Dem Bestreben für komplexe Probleme einfache Lösungen zu finden – das Ergebnis eines Prozesses vorwegnehmen zu wollen. In Unternehmen mit klaren Hierarchiestufen ist es nicht vorgesehen, Raum für Fehler zu schaffen. Der Weg dahin ist steinig, langwierig, schwierig. Aber man muss diesen Schritt als langfristige Investition denken. Man investiert jetzt, weil das Unternehmen dadurch zukunftsfähig wird.

Kaja: In den darstellenden Künsten ticken wir tatsächlich ganz anders: Wir suchen für einfache Probleme komplexe Lösungen. Das ist Theater: Wie erreiche ich, dass es spannend wird, wie der Mensch über die Bühne geht? Wie wird der Hut möglichst aufwendig aufgehoben und was zeigt das? In der freien Theaterszene geht man erstmal ganz offen drauf los. Das ist typisch für einen kreativen Prozess – wie in allen anderen Teilmärkten der Kreativwirtschaft. In der Ergebnisoffenheit liegt eine besondere Reibungskraft – und Mehrwert.

Wie könnt ihr Unternehmen ganz praktisch dabei unterstützen, neue Herausforderungen anzugehen?

Kaja: Eine klassische Theaterfrage ist nicht die nach der Lösung, sondern die nach dem Problem oder dem Konflikt. Das versuchen wir zum Beispiel in Rahmen von Workshops bei den Teilnehmenden zu verankern. Und dann kommt die Probe: Ein neues Besprechungsformat zum Beispiel muss etliche Male geprobt werde. Wie fühlt sich das an - körperlich, emotional? Die Menschen müssen sich die Neuerung zu Eigen machen, sodass sie sich dabei wohlfühlen. Dafür sensibilisieren wir.

Maike: Eine Inszenierungsanalyse wäre der nächste Schritt. Wir könnten uns vor Ort anschauen, wie das neue Besprechungsformat im Arbeitsalltag integriert ist. Welche Sprechhaltung kommt zum Vorschein? Wie ist das Licht gesetzt? Wie ist die Akustik und die Raumsituation? Es gibt immer Gründe, warum etwas nicht funktioniert.

Was überrascht euch, wenn ihr mit Menschen aus unterschiedlichen Wirtschaftsbranchen und großen Organisationsformen zusammenarbeitet?

Kaja: Uns überrascht oft die Selbstverständlichkeit der Trennung von Arbeit und Person - das jemand an einem Workshop-Tisch sitzt und offen sagt: Ich bin dafür da, Effizienz herzustellen, für mich zählen nur die Kennzahlen und der Mitarbeiter interessiert mich erst, wenn er die Kennzahlen beeinflusst. Mit der persönlichen Haltung dieser Person hat das dann nichts zu tun.

In unseren Kontexten ist die Verquickung von Person und Arbeit ganz selbstverständlich, eine Trennung sogar extrem schwierig und eigentlich auch nicht erwünscht. Diese Trennung kann aber sehr nützlich sein: Die Klarheit der beruflichen Rolle ermöglicht eine offene Auseinandersetzung. Das ist extrem dienlich, um Konflikte zu besprechen. Denn die Person dahinter ist davon nicht betroffen. Wenn wir dann auf solche Situationen blicken, sehen wir auch Rollen, die miteinander in Konflikt geraten - fast wie auf der Bühne.

Vielen Dank für das Gespräch!

Nach dem Studium der Szenischen Künste an der Universität Hildesheim haben Kaja Jakstat und Maike Tödter mit „Zwei Eulen“ in der Wartenau 16 ein Büro für Dramaturgie und Produktion im Bereich der darstellenden Künste ins Leben gerufen. Je nach Projekt übernehmen Kaja und Maike dramaturgische Aufgaben und Konzeptionsentwicklung, Organisatorisches und Projekt- bzw. Produktionsleitung oder auch Managementaufgaben. Aus ihrer Arbeitspraxis leiten sie zunehmend Kompetenzen ab, die sie in die Beratung von Unternehmen in Veränderungsprozessen einbringen können. So haben Kaja und Maike zum Beispiel in einem unserer World Cafés mit Technologieunternehmen aus dem HIT Technopark neue Impulse gesetzt oder im Cross Innovation Lab als Spezialistinnen für Probenprozesse, Theaterarbeit, Kollaboration, Mise en Scène fungiert.

Über den Cross Innovation Hub

Auf der Suche nach neuen Impulsen für Produkte, Prozesse und Abläufe wagen Unternehmen, Selbständige und Gründungsinteressierte immer häufiger den Blick über den Tellerrand hinweg in andere Branchen und Märkte. Gerade die Auseinandersetzung mit der Kreativwirtschaft, mit ihren besonderen Arbeitskulturen und innovativen Lösungsansätzen, kann neue Perspektiven eröffnen. Im Cross Innovation Hub regen wir mit laufend neuen Angeboten zu Austausch, Vernetzung und Zusammenarbeit zwischen den Branchen an. In diesem Rahmen entwickelte Ansätze begleiten wir mit aufbauenden Angeboten auf dem Weg zu wirtschaftlich tragfähigen Geschäftsideen.

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