1.9.2019

Zeitreise

„Die Kunst war mein Ventil“

Eine Reise in das beklemmende Ruhrgebiet der 60er Jahre, in eine halbdunkle Bar auf St. Pauli und von dort in ein beschauliches Atelier in Barmbek-Süd: In der Hufnerstraße 20 kreiert der Grafiker und bildende Künstler Marcus Korell Porträts, die Charakterzüge und Emotionen statt Äußerlichkeiten in den Fokus stellen.

Mitten auf dem Kiez, in der Paul-Roosen-Straße 19, liegt die Bar „Werner“. Nach Eintritt benötigen die Pupillen einen Moment, um sich ausreichend zu weiten und aus Schemen klare Umrisse werden zu lassen. Namensvetter und -geber Werner selbst thront an der Wand rechts vom Tresen. Eine Mischung aus Widerwillen und Gleichgültigkeit formt sein Gesicht zu jener Maske, welche nur Menschen tragen, die schon alles gesehen und erlebt haben. Die Mundwinkel nach unten gezogen, entziehen sich seine verdrehten Augäpfel jedem Blickkontakt.

Werner fällt auf. Das mag an dem schwarzen Fransenkleid liegen, das er zu Seidenhandschuhen und Zobelpelz kombiniert. Vielleicht auch an seiner enormen Größe. Oder daran, dass er statt aus Fleisch und Blut aus Farbe und Papier geformt ist.

Was zählt ist die Geschichte

Das auf Tapete reproduzierte Acryl-Gemälde der fiktiven Figur entstand 2018 im Rahmen einer Auftragsarbeit: „Die Idee war, diesen Werner zu malen. Wer ist Werner? Und Werner ist für mich der Typ, der auf der Reeperbahn lebt und eine schräge Vita hat“, erklärt der Urheber, der Maler Marcus Korell.

Die Werke des Grafikdesigners und bildenden Künstlers lassen sich besser als Psychogramme denn als Porträts beschreiben. Wie beim Werner-Gemälde geht es Korell stets darum, die Geschichten hinter den mal realen, mal fiktiven Charakteren zu erzählen. Er will das Unsichtbare sichtbar machen und jene Aspekte einfließen lassen, die weit über das Offensichtliche hinausgehen: „Ich gucke mir Leute an und versuche, die auf den Punkt zu bringen. Es ist mir wichtig, zu zeigen, dass man Leute anders wahrnehmen kann als einfach nur ‚Ich sehe dein Gesicht, also porträtiere ich das‘.“

Kommentieren statt repetieren

Dass Äußerlichkeiten wenig über eine Person zu erzählen vermögen, dafür ist der Familienvater der atmende, wandelnde, malende Beweis. Gekleidet in T-Shirt, Jeans, Sneakers und Cap, entspricht er jenem Bild, das eine Online-Suchmaschinenanfrage mit dem Begriff ‚Street Art-Künstler‘ erwarten ließe. Dabei sind ihm gerade Werke jenes Genre zuwider: „Das sind ja im Grunde genommen immer nur Abziehbilder von dem, was gerade im Netz los ist. Kommentieren! – Ich finde, das ist ein wichtiger Wert von Kunst. Und deswegen hasse ich Street Art. Weil die sich selber in Formalismen repetiert und reproduziert.“

Korell selbst meidet Wiederholungen: „Mir ist schon wichtig, dass ich nicht das, was ich besonders gut kann, nochmal mache“. Was für den Extremsportler das Adrenalin ist, ist für ihn die technisch-stilistische Herausforderung - so erforscht er regelmäßig seine Grenzen, erprobt sein Können: „Du sitzt hier und denkst, das wird nichts. Und dann geht es doch weiter. Das ist ja eigentlich auch das Tolle. Wenn du von vorneherein weißt: das wird super - das ist Quatsch. Da entwickelt sich nichts.“

Vom Stahlwerk in die Agentur

Kindheit und Jugend verbrachte der in den 60er Jahren geborene Marcus Korell im Ruhrgebiet: „Ich habe früher tatsächlich in der Schwerindustrie gearbeitet. Also klassisch das, wofür wir Ruhrgebietsmenschen bekannt sind.“ Im Stahlwerk fertigte er auch seine ersten Studien: „Wir sind zu zweit über den Zaun geklettert. Und dann haben wir da an der Walze gestanden und gezeichnet.“ Im Elternhaus wurden Korells künstlerische Ambitionen vor allem dann geschätzt, wenn es an der Zeit war, Glückwunsch- und Grußkarten für Verwandte zu fertigen. Darüber hinaus reichten das Verständnis und die Wertschätzung für seine Leidenschaft nicht.

Ungeachtet dessen ging Korell an die Universität um freie Malerei zu studieren: „Ich glaube, ich war immer ein bisschen zu sensibel für diese ganzen Bergarbeiterwelten. Und die Kunst war mein Ventil.“ Als sich die wirtschaftliche Lage im Kohlenpott zunehmend zuspitzte und die Arbeitslosenzahlen wuchsen, emigrierten Korell und seine Familie in den Norden: „Wir sind wirklich Wirtschaftsflüchtlinge: Es gab keine Arbeit mehr. Plötzlich ist nichts mehr los in der Bude und die Leute wissen nicht mehr, was sie machen sollen. Ich habe immer gemalt und dann habe ich gedacht: Ich mache jetzt Werbung.“

Der Kampf mit dem Pinsel

Seitdem verdient er sein Brot als Grafiker. Zunächst in Werbeagenturen – „da war irgendwann die Luft raus. Dann bin ich auf Unternehmensseite gegangen.“ Korell widmete sich anderthalb Jahrzehnte gänzlich der Arbeit, gewann diverse Preise, bis die Sehnsucht ihn übermannte und er der Pinsel-Abstinenz ein Ende bereitete. Die ersten Werke bannte er ohne Vorzeichnung direkt auf die Leinwand. So entstand 2009 „Die Leute nebenan“, eine Porträtreihe real existierender Personen: „Da bin ich überhaupt wieder ins Malen gekommen. Das war ein irrer Kampf – Wenn du das vorher so lange nicht gemacht hast, hast du so Angst was falsch zu machen.“

Korell überwand seine Furcht: „Das, was du siehst, ist was ich mir erarbeitet habe, nachdem alles weggeschmissen wurde“ – Korells derbe Lachen halt von den Wänden wider – „Meine ganzen alten Bilder sind stumpf weggeschmissen worden. Die hatte ich bei meinen Eltern eingelagert und die haben irgendwann gesagt: ‚Jetzt ist der Junge aus dem Haus, jetzt können die weg‘.“ Die Entsorgung seiner Werke hinterließ eine Lücke bei Korell: „Ich war nicht da. Ich war nicht existent, nicht sichtbar, ich konnte nichts zeigen.“

Er füllte das Loch, indem er in den letzten zehn Jahren etwa ein Dutzend Serien entstehen ließ. Dicht an dicht lehnen die Gemälde in seinem Atelier in der Hufnerstraße 20 und lassen in dem beschaulichen Souterrainraum kaum noch Platz für Tisch und Farben.

Ein Bild auf St. Pauli

Korell, der sich selbst als Getriebenen bezeichnet, fantasiert davon, eines Tages die Gesamtheit seiner oft über-deckenhohen Kreationen vereint in einer Ausstellung präsentieren zu können: „Da bräuchte ich einen Raum wie die Deichtorhallen mittlerweile. Ich kriege diese Deichtorhallen voll. Ich bräuchte nur ein Budget.“ Bis zur Erfüllung dieses Wunsches sind seine Werke auf seiner Website und von Zeit zu Zeit in Off-Galerien zu betrachten. Mit der Gestaltung der Tapete im „Werner“ konnte er immerhin schon einen wichtigen Punkt auf seiner imaginären To-Do-Liste abhaken. Denn, so Korell, „wenn man nach Hamburg zieht, muss man auch ein Bild auf dem Kiez hängen haben.“

Marcus Korell wurde 1965 im westfalischen Lünen geboren. Sein Studium der freien Malerei absolvierte er im nahegelegenen Dortmund. Seit den 90er Jahren lebt und arbeitet Korell in Hamburg. Neben seinen Tätigkeiten als Grafiker, bildender Künstler und Familienvater spielt er Gitarre in der Rockabilly-Band „Last James“. 

Über die Hufnerstraße 20

In der Hufnerstraße 20, in fußläufiger Nähe zum Bahnhof Barmbek, vermieten wir diverse 10 bis 60 m² große Einheiten, die sich für die Atelier-, Büro- sowie Werkstattnutzung eignen. Eine Anmietung der kürzlich renovierten Räume durch Büro- oder Ateliergemeinschaften ist möglich.

Der Osterbekkanal, dessen begrüntes Ufer zum Verweilen und Erholen einlädt, verläuft in ca. 200 Meter Entfernung nördlich des Objektes. Geschäfte für den täglichen Bedarf sowie ein breites Gastronomieangebote befinden sich in der unmittelbaren Umgebung.

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