30.9.2019

Crowdfunding

Die Crowd verlässt das Schiff zuletzt

Fotograf: Heribert SchindlerFotograf: Heribert Schindler

Wunschprojekte ganz einfach schwarmfinanzieren lassen – Crowdfunding wird immer bekannter und beliebter. Doch hält das Finanzierungsmodell das, was es verspricht? Das Team des Hamburger Theaterschiffs wagte den Versuch.

Haltestelle Rödingsmarkt: Die Bahn hält, die Türen öffnen sich. Der Weg führt die Stufen hinab, stadteinwärts auf die Willy-Brandt-Straße. Es scheint hier keinen Sauerstoff zu geben, nur Abgase. Die Autokarawane verstopft die Gehörgänge mit dem Dröhnen der über den Asphalt rollenden Metallmassen. Rechts abbiegen auf die Holzbrücke – und plötzlich wird es ganz still. Kein Motorengeräusch, kein Hupen ist zu vernehmen, nur das Platschen des Elbwassers an den Kaimauern des Nikolaifleets. Dort, umzingelt von den Glasfassaden moderner Bürokomplexe, liegt es: das älteste Theaterschiff Deutschlands. Wellen lecken am Rumpf, von Sonnenstrahlen geblendete Möwen tapsen über das Deck. DAS SCHIFF ist eine Oase in der Asphaltwüste der Großstadt. Ein bedrohtes Idyll.

„Wir können das nicht einfach in die Elbe werfen“

Der über 100 Jahre alte Kahn ist stark sanierungsbedürftig. Rost zerfrisst die Stahlhaut des 34,5 Meter langen Binnenschiffes, der Lack platzt ab. Mit einem Neuanstrich ist das Problem nicht gelöst: „Beim letzten Werftaufenthalt ist aufgeploppt, dass im letzten Jahrhundert viel an dem Schiffsrumpf, an dem Schiffsinneren gemacht, repariert, saniert wurde, was heutzutage nicht dem ökologischen Standard entspricht“, erklärt Barbara Tornow, Assistentin der Geschäftsführung bei DAS SCHIFF. „Und wir können das nicht einfach abkratzen und in die Elbe werfen. Das muss professionell entsorgt werden – das wird ganz schön teuer.“

Ende des Jahres 2017 bewilligte die Stadt Hamburg dem Theaterschiff Mittel in Höhe von 312.000 Euro – „damit kamen wir anfangs auch aus. Als die Werften dann genauer hingeguckt und detaillierte Kostenvoranschläge erstellt haben, verdoppelte sich die Summe.“ Die finale Kalkulation ergab eine Finanzierungslücke von rund 300.000 Euro. Ein Betrag, den das kleine Privattheater unmöglich stemmen konnte. So entstand die Idee, eine Crowdfunding-Kampagne zu starten – um einen Teil der Summe einzunehmen, aber auch als aufmerksamkeitssteigernde Maßnahme im Rahmen der Öffentlichkeitsarbeit. 

Mit der Crowd zum Erfolg

Durch Crowdfunding lassen sich mittels Schwarmfinanzierung Projekte aller Art realisieren – von der CD-Produktion bis zur Start-up-Gründung. Zumeist werden Crowdfunding-Kampagnen über Online-Plattformen organisiert und durchgeführt. Die Unterstützenden zahlen einen selbst bestimmten Betrag an die Initiator/innen, wobei das Geld nur dann ausgeschüttet wird, wenn die im Voraus festgelegte Mindestsumme in einem definierten Zeitraum erreicht wird. Gelingt dies nicht, erhält die „Crowd“ ihr Geld zurück.

Den Projektverantwortlichen steht es offen, Gegenleistungen etwa in Form von Produkten, Dienstleistungen, etc. anzubieten, die für einen bestimmten Betrag erworben werden können und neben dem mäzenatischen Aspekt einen zusätzlichen Anreiz bieten, die Kampagne zu unterstützen. Crowdfunding ist mehr als reines Geldsammeln: Es bietet den Organisatoren die Gelegenheit, Menschen für eigene Ziele zu begeistern sowie (einzu-)binden und präsentiert sich damit als effektives Netzwerk- und Marketinginstrument.

Die „Besatzung“, wie sich das vierköpfige Team des Theaterschiffs bezeichnet, hatte keinerlei Erfahrung in der Durchführung von Crowdfunding-Projekten: „Alles was wir im Rahmen der Aktion, gemacht haben, war für uns alle neu. Egal was wir angefasst haben.“ Schützenhilfe fanden sie im Zwiegespräch mit Isabel Jansen von der Hamburg Kreativ Gesellschaft, zuständig für die Themenbereiche Nachwuchsförderung und Crowdfunding. Zusätzlich besuchte Barbara eine Veranstaltung der Workshop-Reihe „Crowdfunding Club“. In kleiner Gruppe lernte sie dort das Einmaleins der Kampagnenerstellung und tauschte sich mit Teilnehmenden aus.

Marketing ist alles

Gemeinsam stürzte sich die Besatzung in das Projekt: Sie schrieben Texte, fertigten ein Infovideo, zerbrachen sich den Kopf über attraktive Gegenleistungen, sie mobilisierten Gäste und Multiplikatoren, schaltete Posts auf Social Media-Kanälen und versendete Pressemitteilungen: „Das immer wieder Pushen: Welchen Weg gehe ich heute? Wer kann über uns berichten? Wem erzähle ich es? Wen lade ich ein? Wohin gehe ich? Diese Zeit war wirklich anstrengend.“ Die Mühe wurde belohnt: „Wir hatten relativ viel Aufmerksamkeit durch das Crowdfunding in der Presse. Das Abendblatt, das Hamburg Journal und NDR Kultur, die haben super berichtet.“

Bereits kurz nach dem Startschuss hatte die Crew mehrere Tausend Euro gesammelt – „dann wurden wir richtig nervös, weil der Freundes- und Bekanntenkreis war abgegrast.“ Doch die Sorge war unbegründet, die Kampagne erfolgreich: Das Team schaffte es noch vor Ende der Laufzeit das Funding-Ziel von 30.000 Euro zu erreichen. „Es fehlt immer noch eine große Summe, aber im Gesamtpaket eine relativ kleine“ – der Erhalt des Theaterschiffes scheint gesichert.

Nach Kampagnenende erhielt Barbara eine Liste aller Geldgeber/innen: „Da war ich zwischendurch sehr gerührt, als ich las, wo was herkam und wer was gegeben hat.“ Viele der Namen ließen sich dem direkten Umfeld der Mitarbeiter/innen und des Freundeskreises DAS SCHIFF e. V. zuordnen – „es sind aber auch ganz viele andere Personen dabei.“ Und: Noch heute rufen regelmäßig Menschen an, die von dem Projekt hörten und spenden wollen – die Crowd verlässt DAS SCHIFF zuletzt.

“Macht es professionell“

Wie ein Herold der anstehenden Sanierungsarbeiten weht vom Kai das einsetzende Wummern eines Presslufthammers herüber. Der Lärm scheint Barbaras Ohren nicht zu erreichen. Die Augen in die Leere gerichtet, hängt sie ihren Gedanken nach: Was sie das nächste Mal anders machen würde? Die gebürtige Westfälin seufzt und nippt an ihrem Kaffee, der schwarz wie der Rumpf des Theaterschiffes ist. „Am Anfang habe ich gedacht ‚Ach, wenn ich einmal die Woche eine Nachricht rausgebe, reicht das‘ – das reicht aber nicht! Du musst das täglich rausgeben.“ Zudem würde sie sich Unterstützung für den Versand der Gegenleistungen suchen.

Obgleich die Zeit nervenaufreibend war, empfindet sie Crowdfunding als sinnvoll und empfehlenswert – unter einer Bedingung: „Macht die Kampagnenpräsentation auf der Online-Plattform professionell. Weil, das bleibt halt wirklich immer da. Das ist ähnlich wie ein Tattoo. Es wieder wegzukriegen ist möglich aber unangenehm und zeitaufwendig“, Barbara zwinkert – „und man wird es immer noch ein bisschen sehen.“

1975 eröffnete Eberhard Moebius mit DAS SCHIFF das erste Theaterschiff Deutschlands. Die Kultueinrichtung befindet sich heute unter der Leitung von Heiko Schlesselmann und Michael Frowin.

Auf Europas einziger hochseetüchtiger Bühne erleben die Gäste mehrmals die Woche politisches Kabarett. Dabei sitzen sie nie mehr als sieben Meter von den Künstlern entfernt.

Über den Crowdfunding Club

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