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8.3.2022

Krisenmanagement

Resilient in der Krise: Gespräch mit einem Stressforscher

Dr. Omar Hahad ist Psychologe und Stressforscher. Er untersucht, wie Menschen auf Krisen reagieren, denn Krise bedeutet erst einmal Stress für die Psyche.

 

Omar, du beschäftigst dich in deiner Forschung mit dem Thema Resilienz. Was ist Resilienz?

Das Konzept der Resilienz ist noch relativ jung und wird aus verschiedenen Perspektiven erforscht. Die psychologische Resilienzforschung versteht unter Resilienz die Aufrechterhaltung oder Rückgewinnung der psychischen Gesundheit während oder nach widrigen Lebensumständen.

Gibt es ein gutes Beispiel aus dem Alltag dafür?

Wir alle haben bestimmt schon einmal in unserem Freundeskreis beobachten können, dass es Menschen gibt, die nach belastenden Ereignissen bei der Arbeit oder im privaten Umfeld schnell wieder klar kommen. Es gibt aber auch Menschen, die darauf dysfunktional reagieren, schnell aus der Bahn geworfen werden oder lange mit der Situation hadern.

Der Stress prallt einfach an mir ab, wenn ich resilient bin?

Nein, Resilienz wird häufig falsch verstanden als statisches Konstrukt. Jeder Mensch reagiert auf Stress und das ist notwendig. Wir leben in einer Welt, die sich ständig verändert. Resilient sein bedeutet angepasst zu sein, also kraft der eigenen Ressourcen und über die Interaktion mit der Umwelt schnell wieder auf die richtige Bahn zu kommen. Aus eigenen Studien wissen wir, dass in Deutschland etwa 80 Prozent der Menschen resilient auf Ereignisse reagieren.

Und wenn man nicht so schnell wieder auf die richtige Bahn kommt?

Unsere Resilienzforschung zielt nicht darauf ab, resiliente Menschen zu „schaffen“. Es geht vor allem darum, Risikokonstellationen zu erkennen und resilientes Verhalten zu fördern, indem man günstige Rahmenbedingungen für die Gesellschaft und Individuen schafft.

Wie finde ich heraus, ob resilientes Verhalten möglich ist? Ist Resilienz messbar?

Das lässt sich am Beispiel der Corona-Krise erklären. In einer Pandemie können wir die Resilienz einer Gesellschaft deshalb gut erfassen, weil viele Menschen von dem gleichen Stressor betroffen sind und sich dadurch objektivierbare Vergleiche zwischen verschiedenen Bevölkerungsgruppen ziehen lassen.

Was waren da die Erkenntnisse?

In der Frühphase der Pandemie, als die ersten Maßnahmen beschlossen wurden, waren beispielsweise die Depressionswerte und Angstwerte leicht erhöht im Vergleich zu prä-pandemischen Normwerten. Wir konnten außerdem herausfinden, dass sogenannte Risiko- und Schutzfaktoren den Kontext der Resilienz mitbestimmen. Als Risikofaktoren zählen zum Beispiel häufiger Medienkonsum oder Vorerkrankungen, als Schutzfaktoren soziale Unterstützung und die Aufrechterhaltung von Routinen. Dadurch ließ sich sehr klar definieren, was der Grund für Menschen war, mehr oder weniger resilient zu sein.

Wie ist man deiner Meinung nach in Deutschland mit diesen Erkenntnissen umgegangen?

Meiner Meinung nach hat die psychische Gesundheit der Bevölkerung zu keiner Zeit der Pandemie eine entscheidende Rolle bei politischen Entscheidungen gespielt. Wir haben dazu so viele Daten erfasst und weltweit gab es sehr gute Studien, die gezeigt haben, worauf es ankommt, aber die Forschungsergebnisse haben politisches Handeln nicht spürbar beeinflusst. Das ist sehr schade, zumal im Juni 2020 ein Buch herausgegeben wurde mit dem Titel “Die Pandemie als psychologische Herausforderung: Ansätze für ein psychosoziales Krisenmanagement”. Der Autor Steven Taylor beschreibt darin, dass die Corona-Krise nicht allein als biomedizinisches Phänomen zu verstehen ist, sondern als ein psychosoziales. Er erklärt, wie wichtig die Psychologie einer Pandemie ist, um bestimmte Verhaltensweisen zu verstehen wie zum Beispiel Panikkäufe oder das Horten von Lebensmitteln. All diese Erkenntnisse hatte Taylor im Vorfeld bereits in seinem Buch beschrieben.

Beim Stichwort psychische Gesundheit oder Mental Health denke ich sofort an Achtsamkeitsübungen oder habe Beiträge in Sozialen Medien vor Augen, die mir erklären, wie ich in 5 Schritten im Einklang mit mir selber bin. Anders ausgedrückt: ich denke an Selbstoptimierung. Ein Blick auf die Definition der WHO sagt aber etwas anderes. Dort heißt es, mentale Gesundheit beinhalte sowohl individuelle Faktoren wie Zufriedenheit und emotionale Zustände als auch soziale Aspekte des Zusammenwirkens zwischen Mensch und Umwelt.

Die Abwesenheit von Krankheit heißt nicht automatisch, dass man gesund ist. Gesundheit und Krankheit sollten nicht dualistisch betrachtet werden, sondern werden in der Resilienzforschung als ein Kontinuum gesehen. Es geht nicht um eine Defizitorientierung, sondern um eine Ressourcenorientierung und die Frage, was Menschen langfristig gesund hält und wie Wohlbefinden aktiv aufrecht erhalten werden kann. Es gibt viele Menschen, die den Begriff Mental Health auf eine Ich-Perspektive herunterbrechen. Viele wissen jedoch nicht, wie wichtig Kontextbedingungen als Determinante von Gesundheit sind und dass die Gesellschaft die Gesundheit des Individuums zum großen Teil mit beeinflusst.

Welche Ressourcen helfen mir dabei?

Die Forschung konnte verschiedene bedeutsame Resilienzfaktoren ermitteln. Dazu gehören unter anderem soziale Unterstützung, aktives Coping, also die kognitive und verhaltensmäßige Anstrengungen im Umgang mit Stressoren, positive Emotionen, realistischer Optimismus, kognitive Flexibilität, Selbstwirksamkeit wie das Konzentrieren auf eigene Stärken und Erfolge, Religiosität/Spiritualität und Kohärenzgefühl. Letzteres meint die Bewertung von Ereignissen als verstehbar, bewältigbar und sinnbehaftet.

Kannst du den Mechanismus von solch einem Resilienzfaktoren näher erklären?

Soziale Unterstützung als Resilienzfaktor wirkt wahrscheinlich nicht primär deshalb, weil wir sie haben oder weil wir sie in Anspruch nehmen, sondern weil wir „wissen“, dass wir sie haben. Durch dieses Wissen bewerten wir viele Stressoren – einen Arbeitsplatzverlust, eine körperliche Erkrankung – als viel weniger bedrohlich für uns. Wir können uns zur Not auf Freunde oder Familie verlassen. Im Endeffekt produzieren wir geringere Stressantworten und unser Risiko sinkt, stress-assoziierte psychische Probleme zu entwickeln.

Wirf doch mal einen Blick in die Zukunft - was erwartet uns?

Die WHO sagt, dass der Umgang mit Stress die Schlüsselkompetenz des 21. Jahrhunderts ist. Das heißt der Umgang mit Stress auf individueller und auf gesellschaftlicher Ebene ist entscheidend dafür, wie wir Krisen in Zukunft managen. Mit Blick auf die Pandemie fand ich es sehr interessant zu beobachten, wie handlungsfähig eine Gesellschaft oder politische Entscheidungsträger sein können, wenn sie gezwungen sind, auf akute Krisen zu reagieren. Das ist eine sehr wichtige Eigenschaft für die Zukunft, wenn es darum geht, Krisen wie den Klimawandel zu überstehen, der ein viel höheres Niveau der Anpassung erfordern wird als wir es uns jetzt vorstellen können.

Omar, danke für das interessante Gespräch!

Dr. Omar Hahad ist Psychologe und Stressforscher am Leibniz-Institut für Resilienzforschung in Mainz.

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