Der Cross Innovation Hub wird mit Mitteln aus dem Europäischen Fonds für regionale Entwicklung (EFRE) co-finanziert.

23.8.2019

Cross Innovation

Neue Talente spielerisch entdecken

In der Sommerakademie 2019 haben interdisziplinäre Studierendenteams Gamification-Lösungen für Bewerbungsprozesse erarbeitet. Ein Gespräch mit Philipp Reinartz von der Gamification-Agentur Pfeffermind über die Chancen der Nutzung in einem bisher wenig spielerischen Zusammenhang.

Philipp, Spielen, ein kindlicher Trieb, und eine ernste Thematik wie Bewerbungsverfahren — wie passt das zusammen?

Ich würde widersprechen, dass Spielen grundsätzlich nur etwas Kindliches ist. Das ist tatsächlich lange Zeit so geglaubt worden und gerade, wenn man mit älteren Leuten in den Führungsetagen von Unternehmen spricht, hört man das auch immer noch. Aber eigentlich setzt sich der Glaube allmählich durch, dass man sein Leben lang spielt. Und ich glaube da auch dran. Also irgendwann spielt man natürlich nicht mehr so viel wie als Kind. Aber Spielen ist ja inzwischen etwas, was auch Leute machen, die schon jenseits der 40 sind. Bislang noch viel im Freizeitbereich, aber auch das ändert sich. Weil Spiele eben auch in vielen anderen Situationen gut dafür eingesetzt werden können, um Inhalte besser und vor allem spannender zu transportieren.

Welche positiven Effekte verspricht die Gamifizierung von Recruiting-Prozessen?

Assessment Center, Bewerbungsprozesse – es gibt ja viele Leute, denen macht das grundsätzlich nicht so viel Spaß. Die haben Angst vor der Prüfungssituation. Das alles kann man durch so eine spielerische Art aus Bewerbersicht auf jeden Fall angenehmer gestalten.

Und aus Unternehmenssicht sehe ich zwei große Vorteile. Erstens: Ich kann im besten Fall meinen Bewerbungsprozess effizienter gestalten. Ich bekomme zum Beispiel durch ein Spiel, was Informationen auswertet, ein besseres Bild darüber, welcher Kandidat wie gut zum Unternehmen passt. Und: Wenn man einen coolen Bewerbungsprozess hat, der wirklich Spaß macht, dann hilft das nicht nur den Bewerbern, sondern indirekt auch den Unternehmen. Dann erzählt der Bewerber seinen Kumpels: „Ich habe mich bei der Firma xy beworben und die hatten ein cooles Spiel, was ich erst mal lösen musste“ und dann haben vielleicht die Freunde auch Lust sich da zu bewerben. Der Bewerbungsprozess ist ja auch schon so eine Art Visitenkarte des Unternehmens.

Gibt es Branchen oder Berufsbilder wo Gamification-Elemente besonders gut im Bewerbungsprozess eingesetzt werden können oder auch andersherum: Wo sie keinen Sinn machen?

Ich glaube schon, dass man da eigentlich in allen Branchen was machen kann. Das hängt natürlich am ehesten davon ab, wie spieleaffin die Zielgruppe ist. Wenn ein Unternehmen eine Zielgruppe hat, die grundsätzlich sehr weit weg vom Thema „Spielen“ ist, dann wird es natürlich schwieriger, ein cooles Produkt zu bauen, was auch solche Leute überzeugt. Umgekehrt: Je näher das Unternehmen an einer Zielgruppe dran ist, die sowieso viel mit Spielen zu tun hat, desto leichter ist es, die mit Gamification zu erreichen. Das ist das einzige, wo ich Unterschiede sehe, wem ich es mehr oder weniger empfehlen würde.

Online-Spiele als Recruiting-Instrument setzten sich nur langsam durch. Woran liegt das deiner Meinung nach?

Das ist erstens dieses Generationsthema. Ich merke schon: Je jünger die Leute in den Entscheiderpositionen werden, desto mehr setzen sie auf Gamification.

Und man darf nicht vergessen: Gamification ist kein Zauberwort und auf einmal funktioniert es. Sondern man muss sich schon Gedanken machen, um so etwas gut zu machen. Häufig sehe ich sehr schlecht umgesetzte Gamification-Projekte. Und damit ist einem natürlich auch nicht geholfen. Weil dann macht man das einmal als Firma, merkt „Ah ja okay, klappt nicht“ und lässt es wieder. Aber das heiß nicht, dass Gamification nicht funktioniert, sondern eher, dass dieses spezielle Spiel nicht gut funktioniert hat und man da als Firma eher mit jemandem zusammenarbeiten sollte, der das schon häufig gemacht hat. Gerade, wenn Firmen sowas mal selber probieren, geht das oft nach hinten los. Und das Thema Gamification wird jetzt erst bekannter. Ich glaube, das sind so die drei Gründe, warum das noch nicht so verbreitet ist, wie es eigentlich verbreitet sein könnte.

Welche Rolle spielt diziplinübergreifende Zusammenarbeit bei Pfeffermind?

Eigentlich jeder, der hier arbeitet, hat was anderes studiert. Und ich glaube auch, dass das total hilfreich ist, weil dann jeder seine Expertise und seine Schwerpunkte einbringen kann. Hier sitzen nicht nur Leute, die Gamesdesign studiert haben. Je breiter man aufgestellt ist, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit, dass man auf gute Ideen kommt und desto besser ist der Output am Ende. 

Philipp Reinartz ist Kreativunternehmer, Autor und Publizist.

Als Mitgründer und Geschäftsführer der Berliner Agentur Pfeffermind beschäftigt er sich mit dem gesellschaftlichen Megatrend Gamification, hält Vorträge und arbeitet für mehrere Hochschulen. Daneben schreibt er feuilletonistische Texte, etwa für ZEIT online und das Süddeutsche Zeitung Magazin.

Über die Sommerakademie 2019

In der diesjährigen Sommerakademie haben Studierende verschiedener Fachrichtungen gemeinsam neue Gamification-Lösungen für Matching- und Auswahlprozesse im Recruiting entwickelt. Anhand praktischer Herausforderungen von Partner/innen wie Hamburg Wasser, der Hamburger Hochbahn und Tonali erarbeiteten die Teilnehmenden methodisch angeleitet konkrete Konzepte, die zur Optimierung der Bewerbungsprozesse dienen sollen.

Die Sommerakademie ist ein Format im Rahmen des Cross Innovation Hub, einem Projekt der Hamburg Kreativ Gesellschaft, das zu Austausch und Zusammenarbeit kreativer und anderer Branchen anregt.

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