Der Cross Innovation Hub wird mit Mitteln aus dem Europäischen Fonds für regionale Entwicklung (EFRE) co-finanziert.

1.7.2019

Perspektivwechsel

Disruption – alles auf Anfang

Felix Jung und Marc Einsiedel sind als künstlerisches Duo wearevisual seit 2010 in Hamburg aktiv. Mit Interventionen im öffentlichen Raum wollen sie die Menschen aufrütteln – und stellen dabei nicht selten alles von der Wurzel an infrage. Diese Fähigkeit ist auch dort, wo Innovationen von Beginn an gemeinsam gedacht und entwickelt werden, eine gesuchte Kompetenz: im Cross Innovation Lab.

Im Start-up-Jargon spricht man von Disruptionen, wenn eine Innovation eine gesamte Branche umkrempelt, bestehende Geschäftsmodelle überholt. Lässt sich diese Definition auf eure Arbeit übertragen?

Felix: Ich denke schon, dass sich der Begriff auf unsere Arbeit interpretieren lässt - wobei es wohl eher ein radikaler Perspektivwechsel ist, den wir bezwecken. Wir möchten Menschen auf aktuelle Entwicklungen aufmerksam machen und sie zum Nachdenken bringen. In einem unserer jüngeren Projekte haben wir zum Beispiel 160.000 Quadratmeter Brachflächen in der Hamburger Innenstadt kartographiert und Teile der Zäune in einer Ausstellung gezeigt. Die Besucher sollten danach mit einem veränderten Blickwinkel durch die Stadt gehen.

Marc: Eine Disruption beschreibt den Eingriff und die Kehrtwende in einem Prozess. Da sind schon Parallelen zu unseren Arbeiten. Aber unsere Arbeitsweise ist eine ganz andere. Wir sind völlig frei in der Sache. Wir ändern ständig die Umsetzung, die Materialien oder das Konzept – das ist ein inkrementeller Prozess. 

Felix: In der Kunst kann man nichts richtig oder falsch machen. Wenn man frei vor sich hinarbeitet, wenn immer ein Schritt auf den nächsten aufbaut, dann kommen solche Kehrtwenden gar nicht zustande. Das ist anders als in der Wirtschaft. 

Neben eurer künstlerischen Arbeit beratet ihr auch Unternehmen, zum Beispiel in Bezug auf Teamdynamiken oder deren Außendarstellung. Welche Kompetenzen bringt ihr in diesem Kontext ein?

Felix: Wir haben den Anspruch, frei zu denken, Dinge zu untergraben, neue Blickwinkel zu eröffnen. Wir kennen keine dummen Fragen und hinterfragen einfach alles.

Marc: Unsere Qualität besteht darin, Unternehmen damit zu konfrontieren, wer oder was sie eigentlich sind. Das ist unser disruptiver Eingriff. In Cross Innovation Lab haben wir zum Beispiel mit Mitarbeitern eines Unternehmens zusammengearbeitet, die am Anfang gar nicht wussten, wer sie eigentlich sind. Das hat sich dann in der Außenwahrnehmung des Unternehmens komplett gespiegelt. Die Mitarbeiter haben zunächst überhaupt nicht verstanden, was wir meinen. Wir haben dann ganz von vorne angefangen und daran gearbeitet, wer sie sind und was sie machen. 

Was bedeutet das, nochmal ganz von vorne anzufangen? 

Felix: Am Anfang steht die Herausforderung, eine gemeinsame Sprache zu finden. Die Mitarbeiter drücken sich mit Fachwörtern aus, die wir zum Teil gar nicht verstehen. Im Grunde sprechen wir ja alle die gleiche Sprache, nur die Benennung der einzelnen Abläufe und Produkte ist anders. Das muss man erstmal auf null zurückstellen.

Marc: Auch die Arbeitsweise ist oftmals sehr verschieden. Wir sind es nicht gewohnt, dass es einen genauen Zeitplan gibt, dass Pausen eingehalten werden müssen. Wir sind komplett darauf fokussiert, zu einem Ergebnis zu kommen. Auch da muss man zusammenfinden. 

Welche Sprache sprecht ihr in euren künstlerischen Arbeiten?

Felix: Dazu habe ich ein aktuelles Beispiel: Die City-Höfe sind ein wichtiger Bestandteil der Hamburger Nachkriegsarchitektur. Als sich abzeichnete, dass die Abrisspläne Wirklichkeit werden, haben wir aus dem „Aufbruch in die Moderne“ – so lautete der Slogan der 50er Jahre – den „Abbruch der Moderne“ gemacht und diese Botschaft in meterhohen Buchstaben an die Fassade getackert. Das war runtergebrochen auf eine ganz klare Sprache, das hat jeder verstanden. 

Vielen Dank für das Gespräch!

Seit 2010 arbeiten Felix Jung ( *1985) und Marc Einsiedel ( *1983), als Künstlerduo unter dem Namen wearevisual zusammen in Hamburg. Mit ihrer Arbeitsweise versuchen sie verschiedene Aspekte des öffentlichen Raums künstlerisch zu analysieren, um dann mit dem Prozess des Hinzufügens, Zweckentfremdens und Recycelns Differenzen einzuschleusen. Sie dokumetieren Absurditäten und scheinbar Nebensächliches, um auf größere Zusammenhänge zu verweisen. Sie entwickeln sowohl installative, materialorientierte Werke als auch performative Arbeiten und haben bereits Projekte in internationalen Städten wie Kapstadt, St. Petersburg, Buenos Aires, London Nairobi, Jaipur und Mumbai realisiert.

Über das Cross Innovation Lab

Im Herbst 2019 setzen wir ein experimentelles Format fort, das Synergien und bislang ungenutzte Innovationspotentiale in der temporären Zusammenarbeit von Entwickler-Teams aus der Industrie und hochqualifizierten Spezialistinnen und Spezialisten aus der Kreativwirtschaft zugänglich macht: das Cross Innovation Lab. Für eine Dauer von sechs Wochen (Mitte Oktober bis Anfang Dezember 2019) entsteht eine mit Prototyping-Werkzeug ausgestattete Workshop- und Ausstellungsfläche. Hier gehen interdisziplinäre Teams die Innovationsvorhaben oder -bedarfe der Industrie an.

 

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