Der Cross Innovation Hub wird mit Mitteln aus dem Europäischen Fonds für regionale Entwicklung (EFRE) co-finanziert.

25.11.2020

Interview

"Die Erderwärmung ist eine Frage der Generationen-gerechtigkeit"

Robert Werner berät Unternehmen aus der Energiewirtschaft und der Baubranche, die vor Innovationsentscheidungen stehen und einen Einstieg in nachhaltige Geschäftsmodelle suchen. Im Interview spricht er darüber, warum er Nachhaltigkeit als moralische Pflicht begreift und sie Unternehmen am Ende vor die Frage ihrer eigenen Identität stellt.

Warum braucht es nachhaltige Innovationen?

RW: Die Erderwärmung ist eine Frage der Generationengerechtigkeit. Wer hat die Klimafolgen zu tragen, und zwar nicht nur seelisch, sondern auch kostenmäßig? Es ist doch kein Zufall, dass „Fridays for Future“ der Generation angehört, die sich mit Mathematikkenntnissen knapp über dem Grundschulniveau ausrechnen kann, dass alles, was jetzt schiefläuft und was an Klima-Folgewirkungen auf sie zukommt, von ihr getragen werden muss. Wenn wir den Klimawandel in seinen physikalischen Rahmenbedingungen begreifen, fällt es viel einfacher, die Diskussionen zu führen, ob wir uns Nachhaltigkeit leisten können oder nicht. Jetzt in die Abwendung der Folgen zu investieren ist deutlich günstiger als das Tragen der Folgekosten.

Warum tun sich Unternehmen dann so schwer mit Innovationen?

RW: Wenn Unternehmen nach der harten Phase der Gründung mit einer Idee richtig erfolgreich sind, dann möchten sie sich von diesem Geschäftsmodell nicht mehr trennen. Die Eigentümer und Mitarbeitenden gewöhnen sich an zweistellige Umsatzrenditen. Fair enough, aber es wird in dem Moment schwierig, in dem ich erneut innovieren muss, weil die Mechanismen, um eine Ertragskraft zu halten, andere sind als die, die man anwendet, wenn man eine erneute Innovation anstrebt. Denn dafür ich muss anfangen, mein etabliertes Produkt oder Geschäftsmodell in Frage zu stellen. Ich muss die Kunden neu betrachten, muss vielleicht etwas komplett Neues erfinden. All das kostet und schmälert den laufenden Erfolg. Das heißt, Unternehmen tun sich traditionell schwer, von ihrem wirtschaftlichen Erfolg einen Großteil des Geldes in Innovation zu investieren, vor allem je grundlegender ein Geschäftsmodell bedroht ist. Das können wir gerade wunderbar an der Automobilbranche nachvollziehen. Hier versucht man so lange wie möglich und unter einem unglaublichen Einsatz von Geld und Lobbyarbeit am bisherigen Geschäftsmodell festzuhalten. Das wäre verständlich, wenn versucht würde, die Marge aus den noch laufenden Geschäftsmodellen zu nutzen, um neue zu etablieren. Das passiert aber leider nicht genügend. Anstatt die Gewinne in Kultur-, Struktur-, oder Technologiewandel zu investieren, lässt sich die Automobilindustrie in hohem Maße Dividenden an die Aktionäre ausschütten. Formal ist das nicht zu beanstanden, aber von den Aktionären natürlich strategisch begrenzt schlau, wenn eine ganze Branche  zuschaut, wie Tesla davonrennt. In der Energiebranche erleben wir seit Jahren ähnliches.

Welche Schritte gibt es auf dem Weg zum klimaneutralen Unternehmen zu beachten?

RW: Zu erst wird eine Bestandsaufnahme aller Emissionsquellen gemacht. Der spannende Teil bei dieser Betrachtung sind die Emissionen, die bei den Zulieferern entstehen, in der sogenannten Lieferkette und auch in den nachgelagerten Prozessen. Im zweiten Schritt wird systematisch untersucht, an welchen Stellen CO2 Emissionen gesenkt werden können, auch über die eigenen Systemgrenzen hinweg, sprich bei den Zulieferern.

Könnt ihr da eine Entwicklung erkennen?

RW: Wir beobachten mittlerweile deutlich ernsthaftere Bemühungen, echte Klimaneutralität in Wirtschaftskreisläufen zu integrieren, als das noch vielleicht vor drei oder vier Jahren der Fall war. Viele Unternehmen bekennen sich jetzt aus Überzeugung zur Nachhaltigkeit und überlegen, wo sie beispielsweise Geschäftsreisen einsparen und vermehrt auf Videokonferenzen ausweichen können oder z.B. echte Stoffkreisläufe aufbauen können. Gleiches gilt für die Herstellung von Ökostrom. Viele Unternehmen wissen gar nicht, dass ihre Produktionshallen unglaubliche Kapazitäten darstellen, Photovoltaik oder Solarthermie selbst zu erzeugen. Diese Dynamik nutzen wir, um dann eine Klimastrategie mit Zielformulierungen aufzusetzen. Die Leitidee für Ziele ist immer das Paris-Abkommen, also die Idee, dass man alle Maßnahmen unternimmt, um mit höchstmöglicher Wahrscheinlichkeit eine Erderwärmung auf 1,5 Grad zu begrenzen.

Gibt es einen spezifischen Grund, dass ihr die Zielformulierungen als letzten Schritt in einem solchen Prozess definiert?

RW: Ja, es klingt zunächst unlogisch, aber es gibt zu viele Unternehmen, die ernste Probleme haben, weil sie ihre Nachhaltigkeitsziele bereits nach außen kommuniziert haben, bevor sie eine Bestandsaufnahme durchgeführt haben. Nun  merken sie, dass sie diese Ziele auch bei radikalsten Maßnahmen gar nicht einhalten können. Wir glauben, damit ist niemandem gedient. Denn so wird Nachhaltigkeit als ein Hype kritisiert, dem keine wirksamen Reduktionen folgen würden..

Demgegenüber steht Nachhaltigkeit als implementierter Wert in der Unternehmenskultur.

RW: Ich will das sogar noch weiterspinnen, weil ich glaube, dass der entscheidende Punkt bei der Diskussion, ob Nachhaltigkeit als Wert begriffen und gelebt wird, ein persönlicher ist. Also: begreife ich Nachhaltigkeit als etwas, was mein Produkt nicht in Frage stellt oder lasse ich zu, dass  Nachhaltigkeit ggfs.  mein Produkt  in Frage stellt. Bin ich bereit, unter Umständen zu sagen, nein, das Produkt an sich ist nicht nachhaltig? Diese Diskussion gibt es zum Beispiel bei Kreuzfahrten. Du kannst dich auf einem Kreuzfahrtschiff vegan ernähren und das Schiff mit Bio-Fuels fahren lassen. Aber am Ende steht doch die Frage, was an so einer Reise nachhaltig im strengen Sinne sein kann. Die Kreuzfahrt ist hier nur Symbol für viele andere Urlaubsformate. Was ich sagen will: Es geht bei ernstgemeinter Nachhaltigkeit nicht um ein Bio-Buffet auf der Titanic, sondern um eine klare Kursänderung.

Ist das das Stichwort, um über Shared Economy zu sprechen?

RW: Ein schönes Stichwort, vor allem für den Fokus auf die Kundenseite. Shared Economy  hat aber extreme wirtschaftliche Konsequenzen. Wenn die Bohrmaschine tatsächlich von 20 Leuten in der Nachbarschaft gemeinsam genutzt wird, werden 19 Bohrmaschinen weniger gekauft, dann ist das ein Umsatzrückgang für den Hersteller um das Zwanzigfache. Und an dem Punkt wird es richtig schwierig für das bisherige Geschäftsmodell. Trotzdem bieten viele Konsumgüter-Hersteller tatsächlich zunehmend Shared-Services an und probieren Leihmodelle aus. Eine tolle Entwicklung!

Braucht es noch andere Lösungen?

RW: Da lohnt sich der Blick in die Modebranche und auf Cradle-to-Cradle Konzepte. Kleidungsstücke werde nie so lange getragen, bis sie kaputt wären. Es sind faktisch Wegwerfprodukte geworden. Setzt man hier mit dem Cradleto-Cradle Konzept an, dann können aus alten Kleidungsstücken wieder neue werden. Diese konsequenten Kreislaufprozesse sind meiner Ansicht nach eine zentrale Lösung, die  auf alle Branchen übertragen werden muss. Das heißt, alles was ich herstelle, ob das Elektrogeräte sind, Gebäude, Autos oder Klamotten; muss wieder zerlegbar sein. Technisch ist das in den meisten Fällen heute schon möglich.

Ist das auch der Anspruch deiner strategischen Beratung?

RW: Ja, da wo es möglich ist. Wir sind auf die Energiewirtschaft spezialisiert und da bist du gleich zweimal unbeliebt: Mit Effizienz schmälerst du den Energieversorgern die Umsatzgrundlage und mit 100% erneuerbaren die Gewinne aus dem Öl- und Gasgeschäft.  Da ist die Sonne erst einmal unattraktiv, denn der Rohstoff Sonne kostet nichts, sondern lediglich die Anlage zur Nutzung. Aber ich bin sehr optimistisch, dass wir sehr bald komplett ohne fossile Energien leben werden.

Je erfolgreicher du bist, desto weniger braucht man dich. Hast du Angst, dass du irgendwann überflüssig bist?

RW: Nein, da bin ich ganz entspannt. Kein Mensch ist überflüssig. Es gibt erstens noch viel zu tun und zweitens träume ich wie viele andere Menschen von einer 15-20 Stundenwoche für Erwerbsarbeit.  Die wird auch Teil eines ökologischen Konsummodells werden.

Danke für das Gespräch Robert!

Robert Werner (52) ist Mitbegründer und Geschäftsführer des HAMBURG INSTITUTS in Altona, welches Politik, Unternehmen und öffentliche Hand bei der Umsetzung einer erneuerbaren Strom- und Wärmeversorgung und zu Klimaneutralität berät. Zuvor hat er als Vorstand den Ökostromversorger Greenpeace Energy eG mit aufgebaut.

Über den Cross Innovation Hub

Auf der Suche nach neuen Impulsen für Produkte, Prozesse und Abläufe wagen Unternehmen, Selbständige und Gründungsinteressierte immer häufiger den Blick über den Tellerrand hinweg in andere Branchen und Märkte. Gerade die Auseinandersetzung mit der Kreativwirtschaft, mit ihren besonderen Arbeitskulturen und innovativen Lösungsansätzen, kann neue Perspektiven eröffnen. Im Cross Innovation Hub regen wir mit laufend neuen Angeboten zu Austausch, Vernetzung und Zusammenarbeit zwischen den Branchen an. In diesem Rahmen entwickelte Ansätze begleiten wir mit aufbauenden Angeboten auf dem Weg zu wirtschaftlich tragfähigen Geschäftsideen.

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