Der Cross Innovation Hub wird mit Mitteln aus dem Europäischen Fonds für regionale Entwicklung (EFRE) co-finanziert.

15.3.2019

Cross Innovation

Die Alge als Zukunftsressource

Mit dem Department of Seaweed hat die Designforscherin Julia Lohmann ein Netzwerk an der Schnittstelle von Design, Wissenschaft, Gesellschaft und Umwelt gegründet.

Trocken wie Espenlaub und doch so stabil wie verarbeitetes Leder: Über ein Jahrzehnt ist es her, dass Julia Lohmann auf einem Fischmarkt im japanischen Sapporo ihre Faszination für die dort ausgelegten Algen entdeckte. Seitdem erforscht die Produktdesignerin neue Einsatzmöglichkeiten für die Ressource aus den Weltmeeren. Sie stellt Analogien zu anderen Materialien her, d.h. sie verarbeitet grüne, rote oder braune Algen, so dass sie ähnliche Eigenschaften wie zum Beispiel Holz oder Glas annehmen. Exempel ihrer Arbeit sind Tisch und Sitzbank im Büro der Professorin in der Hochschule für bildende Künste in Hamburg*: hölzerne Möbelstücke, die mit Algenfurnier ummantelt sind.

Ein Rohstoff mit vielen Facetten

Weltweit wird der Einsatz von Algen in vielfältigen Kontexten erforscht: Ob als Energielieferant, Farbstoff, Dünger oder Futtermittel, mit ähnlichen Eigenschaften wie Viskose in Textilien oder als gleitende Algenteppiche anstelle von Kunstschnee. „Die Alge zeigt die Welt in einer seltenen Intensität“, sagt Lohmann während sie einen rauen, geruchlosen Halm einer getrockneten Grünalge in eine Vase mit Mineralwasser taucht. Einige Minuten später ist die Pflanze aufgequollen, sie leuchtet hellgrün, riecht fischig, ist elastisch und stabil.

Kreisläufe nachhaltig gestalten

An den Wänden in Lohmanns Büro, das ihr gleichzeitig als Atelier und Forschungslabor dient, hängen unzählige Kunstwerke aus Algen: Masken, Hüte, Lampenschirme, abstrakte Formen. Ihre Designobjekte stellte sie 2013 erstmals im Victoria & Albert Museum in London aus – um auf die Potentiale des Rohstoffs aufmerksam zu machen. Als Designforscherin denkt Lohmann in Systemen: Sie will neue Materialien entdecken, mit denen sich Prozesse und Kreisläufe nachhaltig gestalten lassen. Dafür ist sie auf die Expertise anderer Fach- und Forschungsbereiche angewiesen: „Die Chemie untersucht die molekulare Struktur der Alge, die Meeresbiologie betrachtet die systemische Dimension.“

Neue Einsatzgebiete ergeben sich zum Beispiel in der Kollaboration mit Akteuren aus der Energiewirtschaft, mit der Automobilbranche oder der Textilindustrie. So könnte etwa der Algenanbau für Biogasanlagen oder die Nutzung als Ergänzung von künstlichen und natürlichen Garnen und Textilien vorangetrieben werden.  

Anschub durch den Cross Innovation Hub

Ein interdisziplinäres Netzwerk, in dem sie das Projekt vorantreiben kann, fand Lohmann über die Hamburg Kreativ Gesellschaft. Als Partnerin des Cross Innovation Hub, einem Projekt, das die Zusammenarbeit kreativer und anderer Branchen fördert, bot sie im Sommer 2017 Workshops und Lectures zu den Potentialen der Alge als nachhaltige Ressource an. Darüber erweiterte sich ihr bereits bestehendes künstlerisches Netzwerk um Biologinnen und Biologen, Stadtplaner, Kommunikationsfachleute und Nachhaltigkeitsexperten. „Die Kreativ Gesellschaft hat den initialen Zündstoff gegeben, damit das Department of Seaweed endlich Formen annimmt“, erklärt Lohmann.

Seit Anfang Februar ist das „Department of Seaweed“ nun offiziell im Vereinsregister zu finden. Die Gründung festigt ein wachsendes globales Netzwerk von Visionärinnen und Visionären aus verschiedenen Disziplinen, die ihr Wissen und ihre Ideen zum Einsatz von Algen als nachhaltige Ressource miteinander teilen und in lokalen Kontexten anwenden.

Einrichtung eines Living Archive

Langfristig strebt das Department of Seaweed die Einrichtung eines Living Archive an, das sich mit der praxisbasierten, transdisziplinarischen Erforschung von Algen und deren nachhaltiger Nutzung befasst. Auf Basis eines flexiblen Raumkonzeptes sollen Rohmaterialien, künstlerische Arbeiten, Workshop Kits, Grafiken zur Veranschaulichung von entstehenden Netzwerken und Arbeitspraktiken, Skizzen und einem Wissensschatz historischer und zeitgenössischer kultureller Praxis mit Algen die Arbeit veranschaulichen und die Potenziale sinnlich erfahrbar machen. „Das Living Archive wird sich als Ort verstehen, an dem Makroalgen als Spiegel oder Linse für zentrale Fragen aus Ökologie, Ökonomie und Gesellschaft dienen.“

*Julia Lohmann war zum Zeitpunkt der redaktionellen Bearbeitung Professorin für Design an der Hochschule für bildende Künste Hamburg (HFBK). Im August 2018 ist sie für eine Professur an der Aalto Universität in Helsinki in die finnische Hauptstadt gezogen.

 

Über den Cross Innovation Hub

Auf der Suche nach neuen Impulsen für Produkte, Prozesse und Abläufe wagen Unternehmen, Selbständige und Gründungsinteressierte immer häufiger den Blick über den Tellerrand hinweg in andere Branchen und Märkte. Gerade die Auseinandersetzung mit der Kreativwirtschaft, mit ihren besonderen Arbeitskulturen und innovativen Lösungsansätzen, kann neue Perspektiven eröffnen. Im Cross Innovation Hub regen wir mit laufend neuen Angeboten zu Austausch, Vernetzung und Zusammenarbeit zwischen den Branchen an. In diesem Rahmen entwickelte Ansätze begleiten wir mit aufbauenden Angeboten auf dem Weg zu wirtschaftlich tragfähigen Geschäftsideen.

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