Stefan Gieren: Afghanistan
„Die Zukunft ist der Lohn der Träumer und der Kämpfer“, lautet ein afghanisches Sprichwort. Filmemacher Stefan Gieren hat es zu seinem Motto erklärt. In seiner Branche ist der Hamburger ein Allround-Talent: Studierter Medieningenieur und Produzent, dazu Autor und Regisseur. „Ich bin ein Mensch, der sich schlecht entscheiden kann“, sagt er lachend. Aber im Grunde seines Herzens sei er ein „Geschichtenerzähler“. Ein Geschichtenerzähler mit sozialem Impetus: Der 32-Jährige nutzt die gesellschaftliche Kraft von Medien, um aufzuklären und Entwicklungshilfe zu leisten. Mit Produktionen wie „Raju“, einem Kurzfilm über Kinderhandel in Kalkutta, der im Juni den Studenten-Oscar in Bronze erhielt. Oder mit ‚Herai TV’, einem Bildungsfernsehsender in Afghanistan, den er seit 2006 betreibt. Die Filmwerkstatt Kiel unterstützte Gierens Projekte von Anfang an. Nun fördert sie auch seinen ersten abendfüllenden Spielfilm: „Kunduz“ thematisiert den umstrittenen Luftangriff auf zwei entführte Tanklaster, bei dem 2009 bis zu 143 Zivilisten ums Leben kamen.
Stefan Gieren erscheint mit einem riesigen wollweißen Tuch um die Schultern, dem traditionellen Bekleidungsstück der Tadschiken. Dass er damit in Hamburg neugierige Blicke auf sich zieht, ist ihm egal. „Etwas Besseres gibt es gar nicht“, sagt der gebürtige Schwabe gutgelaunt. „Der wärmt mehr als jede Daunenjacke“. Afghanistan ist in den vergangenen fünf Jahren seine zweite Heimat geworden. Noch während seines Studiums der Medientechnik in Hamburg sprach ihn ein afghanisch stämmiger Kommilitone an, ob er nicht helfen wolle, in Herat, der westlichen Provinzmetropole, einen Bildungs-Fernsehsender aufzubauen. Für Gieren ein Wink des Schicksals.
Entwicklungshilfe in Krisenregionen ist ihm seit Kindesbeinen vertraut. Sein Onkel, der ehemals hochrangige UN-Diplomat und Menschenrechtler Hans-Christof Graf von Sponeck leitete in den 80er und 90er Jahren (u.a.) die UN-Entwicklungsprogramme in Ghana, Pakistan und den Irak. Währen andere Familien die Sommerferien auf Mallorca verbrachten, erlebte Stefan schon als Schüler, wie Menschen in Afrika und im Nahen Osten ums Überleben kämpfen. „Mit acht Jahren war ich in Botswana, mit 12 Jahren in Pakistan. Die Erlebnisse haben mich geprägt“.
Gieren ließ sich also nicht lange bitten – und die beiden Studenten hatten auch noch riesiges Glück: Der NDR Lübeck stellte 2005 auf Digitaltechnik um. Die alte Sendeanlage war mit einem Mal Elektroschrott. „Die haben wir in Container gepackt und in den Iran verschifft. Von dort aus ging es mit LKWs an die Grenze“. Er könne nun mal keine Brunnen bauen, keine Brücken und keine Schulen, aber alles, was mit Film und Fernsehen zu tun hat – „das kann ich, da weiß ich aus dem Bauch heraus, was man bewegen kann“, sagt Gieren fast trotzig“. Stimmt genau. Und es ist erstaunlich, was der Absolvent der Hamburg Media School bislang schon erreicht hat.
Der Studenten-Oscar für den Abschlussfilm „Raju“ mit Wotan Wilke Möhring und Julia Richter als adoptionswilliges Paar, das eigens nach Kalkutta fliegt, um ein angebliches Waisenkind abzuholen, ist ja nicht alles. Stefan Gieren ist bereits Unternehmensgründer. Seine Firma „fiction zwei null“ verfolgt drei Stänge: Die Produktion von Werbefilmen für gemeinnützige Organisationen. Die Entwicklung neuer Crossmedia-Erzähltechniken für das Internet. Und die unterhaltsame Vermittlung von Bildungsinhalten in Entwicklungsländern.
Während man sich auf Facebook, Twitter und YouTube über die die fiktive Geschichte von Robin W. Schrader, den angehenden Superhelden, amüsiert, lachen vielleicht junge Afghanen gerade über „Die Sendung mit der Maus“ auf Herai TV. Der Sender, den Stefan Gieren seit 2006 in einem Hochhaus mitten in Herat betreibt, ist heute der drittstärkste der Provinz und erreicht im Umkreis von 80 Kilometern mehr als eine Million Menschen. „Wir verzichten bewusst auf Nachrichten und alles Politische, schon zur Sicherheit unserer Mitarbeiter“. Gesendet werden rund um die Uhr reine Bildungsprogramme. „Es gibt immer noch viele Mädchen, die nicht zur Schule gehen dürfen, aber zu Hause schadlos fernsehen. Durch uns haben sie die Möglichkeit, am Bildschirm lesen und schreiben zu lernen“.
Man mache sich keinen Begriff davon, wie groß die Bildungsprobleme in Afghanistan sind: Bei Umfragen während einer TV-Themenwoche rund um das Impfen musste sein Team feststellen, dass viele Erwachsene glauben, Impfungen seien nur etwas für Kinder. „Nach der Sendereihe schnellte die Impfquote sprunghaft in die Höhe. Das hat mir gezeigt, dass wir wirklich etwas erreichen können“, so Gieren. „Mit Medien lässt sich unglaublich viel Einfluss auf eine Gesellschaft nehmen“. Deshalb ist es ihm auch so wichtig, möglichst viele Frauen bei Herai TV zu beschäftigen. Von den rund 30 Mitarbeitern sind ein Drittel Frauen – und die tragen vor der Kamera nur ein Kopftuch. So tragen die Moderatorinnen dazu bei, das Bild der Frau in Afghanistan zu verändern. „Als ich 2006 das erste Mal in Afghanistan war, habe ich keine einzige Frau gesehen. Mittlerweile ist die Zahl der Burkas deutlich zurückgegangen“.
Jedes Jahr verbringt der Vater dreier Kinder mehrere Wochen in Herat, um den einheimischen Nachwuchs zu schulen. Auch wenn uns die Bilder anderes vermitteln, Afghanistan sei nicht nur Taliban und Terror, betont er: „Die Menschen sind sehr aufgeschlossen, aber auch furchtbar gebeutelt von Jahrzehnten des Krieges. Es ist unglaublich viel zerstört, an Vertrauen, aber auch an Industrie und Infrastruktur“. Die umliegenden Länder hätten ein Interesse daran, Afghanistan instabil zu halten. „Herat importiert in fünf Tagen die Menge an Waren, die sie in einem Jahr exportiert. Würde das Geld, das von den Deutschen und den Amerikanern ständig nachfließt, im Lande bleiben, wäre es schnell wieder aufgebaut“. Stattdessen wird alles, was halbwegs intakt ist, zerbombt. Gerüchten zufolge steuere der pakistanische Geheimdienst die Anschläge. Für besonders mutig hält er sich dennoch nicht. „Herat ist verhältnismäßig ruhig. Ich fühle mich dort nicht in den Krieg involviert. Vor Ort schätzt man die Bedrohung ganz anders ein“. Das gelte auch für Mazar-i-Sharif, den zentralen Truppenstützpunkt der Bundeswehr, wo er jetzt mit Geldern der Bundesregierung den zweiten Bildungsfernseh-Sender in Angriff nimmt.
Der Grund für seine jüngste Afghanistan-Reise war jedoch nicht der neue Sender, sondern der erste abendfüllende Spielfilm, dessen Plot er in nur vier Tagen während der letzten Berlinale schrieb. „Kunduz“ erzählt von einem afghanischen Fotografen (Harash Marandi), der den umstrittenen Luftangriff auf die entführten Tanklaster überlebte und einem deutschen Entwicklungshelfer (Ulrich Matthes) schwerverletzt seine Geschichte erzählt. Der Film, der zu einem Drittel auf einem Smartphone gedreht wurde (und damit auch filmtechnisch ein neues Kapitel aufschlägt) spielt zwar größtenteils in einem Flugzeug (das bei Berlin steht), doch die ersten Szenen mit den festgefahrenen Tanklastern im Flussbett wurde zehn Kilometer außerhalb von Herat gedreht. Und dort war es keineswegs mehr so sicher wie Downtown. „Es war ziemlich abenteuerlich. Wir haben unter dem unter dem Schutz eines Großgrundbesitzers gedreht“, so Gieren. Die Mujaheddin in der Anfangsszene sind also ebenso echt, wie ihre Kalaschnikows und deren Munition: „Ich habe nach Platzpatronen gefragt, da haben mich alle nur verständnislos angeguckt“.
Lebensbedrohlich wurde es, als der Filmemacher ahnungslos auf einen Hügel zu stapfte, weil er sich von dort oben die beste Totale versprach. „Plötzlich schrien alle und gestikulierten wie will. Ich habe erst gar nichts verstanden, dann wurde mir klar, dass ich mitten in einem Minenfeld stand“. Heil wieder heraus kam er nur, weil er die Nerven behielt und der Spur der Schafsköttel folgte. „Kunduz“ ist der erste Film, in dem Gieren auch Regie führt. Ich kenne das Land, ich mag das Land, der Kontext ist mir so nah, dass ich diesen Film auch selbst machen wollte. Unterstützt hat mich meine Frau, die Schauspieltheater-Regie studiert“. Gieren hofft, mit diesem Film eine Diskussion anzustoßen, denn was damals in Kunduz passiert ist, geschah unter Missachtung essenzieller Einsatzrichtlinien. „Rund 300 Zivilisten wurden bombardiert, darunter vielen Kindern und alten Menschen. Die Faktenlage ist klar, aber wenn ich den Schrecken über einen Menschen erfahre, der dabei war, verstehe ich die Dinge auch mit dem Herzen und fange an zu hinterfragen. Unsere Welt ist so komplex geworden. Ich glaube, wir Filmemacher haben heute eine ganz wichtige Funktion zu erfüllen: Wir müssen reale Problemstellungen emotional verstehbar machen. Wir müssen uns wieder engagieren und echauffieren“.
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Geschrieben von Isabelle Hofmann
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